Vom Ballermann ins Himmelsreich
Wer als Arbeitnehmer in Thüringen lebt, für den stellt es wahrlich kein allzu großes Problem dar, seinen halben Monatslohn innerhalb nur weniger Stunden auf den schmalen Kopf zu hauen. Was ja auch verständlich scheint, da eine Flasche mit einem halben Liter Inhalt nun einmal viel schneller ausgetrunken ist, als ein allenfalls unhandlicher 5-Liter-Kanister. Die Althaussche Maxime vom Minimallohn als wirtschaftlichen Wachstumsfaktor ist eben leider in der Mitte Deutschlands weit länger am Ruder geblieben als der Althaus selbst, was mir allerdings als alleinige Thematik einer Kolumne höchstwahrscheinlich zu viele Leser vergrault. Gefühlte Armut ist nämlich keinesfalls deckblatttauglich.
Da war zum einen der bullige Herr um die Fünfundzwanzig, welcher seiner unmittelbaren Umgebung auf der Rückseite seines schwarzen Kapuzenpullis unbedingt mittels weißem Aufdruck mitteilen musste, dass er, sollte er einmal sterben, dieses nur besoffen zu tun gedenke. Dies mag seine persönliche Einstellung sein und somit ist daran auch nicht zu rütteln. Die Würde des Menschen ist auch im Besonderen unantastbar und zudem bis in die Sphären der eigenen Bekleidung dehnbar.
Doch was mag, so fragte ich mich zwischen Scylla und Charybdis - also zwischen Straßenmusikanten und McDonalds - was mag demnach in den Köpfen solcherart bekleideter Bundesbürger vorgehen?
Denn ganz gleich welch noch so wirrem Glauben man anhängt: der Tod stellt einen Übergang dar, und egal wohin man dann auch kommen mag: wäre ich an diesem mir noch unbekannten Tore Türsteher, ich ließe keinen Angetrunkenen hinein. Schließlich sind Bacchusbrüder schon zu Lebzeiten recht unangenehme Gesellen. Ihre im Anfangsstadium der Trunkenheit errungene Fröhlichkeit schlägt mit Anstieg des Blutalkohols nur allzu oft in pure Verzweiflung um. Und verzweifelte Menschen sind (man beachte das gesamte FDP-Präsidium!) zu keiner logischen Handlung mehr befähigt. Dies ist keine an den Haaren der Vermutung herbeigezogene Schlussfolgerung, sondern ein stückweit unter den eigenen Haaren gespeicherte Erfahrung. Aller Unmut über die Unzulänglichkeiten des eigenen Seins wird mit jedem Glase und mit jedem Zuprosten potenziert. Das aufgedunsene Gesicht, welches ich am Morgen nach den Partys im Spiegel kaum zuordnen konnte, sah jedenfalls nie besonders fröhlich aus. Und so präge ich heute erstmals den Satz: Der Einzige, den Alkohol wirklich glücklich macht, ist der Finanzminister.
Doch sei's drum: ich verspüre großes Unbehagen bei dem Gedanken, für alle Ewigkeit der ewig gleichen Alkoholfahne meines Himmelsnachbarn ausgesetzt zu sein, für alle Zeiten sein Gelalle nicht zu verstehen, und mich zudem - da er es nicht versteht, dass ich ihn nicht verstehe - mich mit ihm auch noch ständig prügeln zu müssen. Wobei man hier wiederum differenzieren muss. Die Gefahr jedenfalls, dass ich diesen Promillejünger dank eines wohlgezielten Kicks von der Wolke stieße - worauf dieser sich zu Tode stürzt - ist nur eine hypothetische. Schließlich: er wäre ja schon längst tot.
Dies mag zwar alles kleinbürgerlich und spießig klingen, und im Prinzip ist ja auch der Zustand meiner Mitbürger - sei's im Leben, sei's im Tode - getreu dem Sprichwort, dass jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, ein nicht in meinen Händen liegender. Ich möchte halt nur nicht den ersten Schritt nach dem Tode in einen Haufen Kotze setzen.
Und falls Sie dem besagten Herrn mit beschriebener Aussage auf dem Kapuzenshirt einmal auf dem Erfurter Anger begegnen sollten, und zudem einen Laptop mit mobilen Internetzugang dabei haben: bitte seien sie so lieb und lesen sie dem Manne diesen Text vor. Dies bringt Ihnen zwar voraussichtlich nur ein aufs Übelste zerschlagenes Gesicht ein und dem Freund des endzeitlichen Rausches keinerlei Erbauung. Aber mir zumindest einen weiteren Leser.




