Von Geld und Genozid
In einer vermutlich sehr lichten Stunde meines Geistes schrieb ich den folgenden Satz hernieder: Geld ist wie ein Flugzeug: kaum abgehoben - schon weg. Dieses Tun brachte mir zwar die namentliche Erwähnung im Feuilleton der größten Thüringer Tageszeitung ein, aber zudem leider auch etliche mir unangenehm ausgestaltete Nächte, in welchen ich mich außergewöhnlich schwere Gedanken wälzend hin und her und auch sofortig wieder zurück warf. Grund meines unruhigen Schlafes war die verdammt große Verantwortung, welche ich eilends verspürte, nachdem ich mir der ungemeinen Tragweite meines doch so leichthändig im Geiste gewundenen Aphorismus bewusst geworden war. Eine Last war da augenblicklich auf meinen Schultern, so groß, dass der Schultern zulässige Tragkraft scheinbar mühelos ums zigfache überschritten wurde.
Doch da das Jammern über Auswirkungen - bei gleichzeitiger Ausblendung der Ursächlichkeiten - leider der weit verbreiteten Methode, das Pferd allen Erfahrungen zuwider von hinten aufzuzäumen, gleicht, empfehle ich dem Leser, den ersten Absatz vollständig zu ignorieren. Denn die eigentliche Problematik, so erkannte ich beim Aufarbeiten meines Flugzeug-Geld-Gedankens, liegt nicht im befürchteten Nichtbesitz von Geld, sondern vollkommen gegenteilig darin, wenn man eine gewisse Summe an Zahlungsmitteln erst einmal sein eigen nennt. Dies mag in den Ohren der Bundesbürger, welche bis über die benannten Körperteile verschuldet sind, wie blanker Hohn klingen, doch entspricht, bei glockenklangklarem Denken, dem realen Irrsinn unseres Wirtschaftssystems. Um dieses intellektuell erdbebensicher zu untermauern, bitte ich folgende zwei Zitate unbedingt und ohne vorzeitiges Abwinken aufmerksam zu beachten:
1. Dein Geld ist nicht weg. Es hat nur jemand anders.
2. Der Rubel muss rollen.
Bei beiden Zitaten kann ich leider als Urheber nur Volkes Stimme benennen, und wenn auch ein Volk schon dann und wann dramatisch daneben liegen kann (An dieser Stelle Herzliche Grüße an alle von Volkes Willen an dessen Spitze gewählten Diktatoren und Despoten!), so lässt sich bei den beiden Sinnsprüchen nur feststellen: Volkes Mund tut manchmal eben doch auch Wahrheit kund. Denn nichts ist schädlicher für unser bis ins Mark der Vernunft verdorbenes System, als Geld, welches eben nicht nach dem Abheben postwendend verschwindet. Weil jeder Euro, der allzu lange in den selben Händen kleben bleibt, ein toter Euro ist. Und tote Euros sind eben keine toten Indianer, von denen der amerikanische General Philip Henry Sheridan einmal behauptet, nur diese seien wirklich gut. Das System braucht nämlich lebendige Euros, welche sich von Portemonnaie zu Portemonnaie, von Hosentasche zu Hosentasche und von Konto zu Konto möglichst sprunghaft fortbewegen um sich im konsumfreudigen aber eben auch denkfaulem Volke zu verteilen. Denn nur wer Euros sein eigen nennt - und wenn auch nur für eine denkbare kurze Zeit - kann damit neue Kinkerlitzchen kaufen und somit seinen Anteil daran leisten, unser Wirtschaftssystem weiterhin künstlich zu beatmen.
Und hier offenbart sich ein weiterer Irrsinn unserer Marktwirtschaft: sie ermöglicht nämlich selbstzerstörerisch, dass sich eine verschwindend geringe Zahl von Menschen aufs Unermessliche hin bereichert, also dem System die finanziellen Werte entzieht, die doch die Mehrzahl der Menschen braucht, um das System damit am Leben zu erhalten. Auch wenn dieses Verhalten selbstverständlich am Kern vernünftiger, zukunftsträchtiger Ökologie und Ökonomie vorbei zielt: die Kuh, die man beständig melkt, möchte auch anständig gefüttert werden. Die Milliarden, die all die Gebrüder Albrecht und die Ehepaare Schlecker dieser Welt auf ihren Konten horten, müssen eben systembedingt wie ein Flugzeug sein: kaum abgehoben und schon weg. Flugzeuge werden konstruiert, damit sie fliegen und nicht etwa, dass sie im Hangar vor sich hin rosten. Und was ist schon so schlimm daran, wenn auch die kleinen Leute sich einmal damit in die Lüfte erheben, von denen sie von den Medien verblendet glauben, sie wären existentiell?Und wer meinen selten begangenen Gedankengängen nicht folgen mag, der darf nicht nur den ersten Absatz, sondern auch den Rest des Textes ignorieren. Trotz solch eines unhöflichen Gebarens werde ich ihn dennoch nicht ein großes Arschloch nennen. Dies tue ich nur im Falle des General Sheridan. Und zwar posthum.









