Wie man privat von der Schlecker-Insolvenz profitiert
Die in etwa zwei handbreit von mir entfernte Funkwetterstation zeigt mir an, wir haben den 22.Januar 2012, Uhrzeit 08.31 MEZ, und das elektronische Thermometer offenbart, im Außenbereich herrscht eine Temperatur von 3,9 Grad Celsius. Was nun bedeutet, wenn man diese Zahlen in aussagekräftigen Klartext übersetzt: der Winter scheint genau so pleite wie die Drogeriemarktkette Schlecker. Doch egal, denn ich sitze bei angezeigten 20,5 Grad Celsius im Warmen, habe ein recht opulentes Frühstück hinter mir, wobei opulent gewisslich immer im Auge des Betrachters liegt.
Der Vorstandsvorsitzende einer aktiennotierten Firma, welche Milliarden an Euros jährlich umsetzt, der würde bestimmt verächtlich an Orangensaft, Toast mit Butter und Käse vorbeigehen, weil er es gewohnt ist, nur Speisen und Tränke zu sich zu nehmen, welche von Tieren stammen, die allesamt auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen. Der isst nur Steaks vom Nebelparder und trinkt dazu literweise den Saft aus gepresstem Europäischem Aal. Und das früh, mittags und am Abend.
Ein Bewohner der Sahelzone hingegen würde, könnte er nur einen Blick durch mein Küchenfenster werfen, seinen schmalen Kopf schütteln und denken: ‘Sieh sich einer diesen Wohlstandslandnigger an: Frisst Toast so dick mit Butter bestrichen, dass sich bei mir zu Hause von einer seiner Mahlzeiten das ganze Dorf satt essen könnte. Und den Rest würden wir einfrieren.’
Recht hat er, der in dunkle Haut geschnürte Mahner, welcher sich aus unerfindlichen Gründen in meiner Fantasie in meinen Hof geschlichen hat. Und ich öffne in Gedanken das Fenster und rufe ihm zu: “Wie wahr Du doch sprichst, Du stolzer Vorfahr einer in Länge wie Breite ausufernden Menschheit! Alles ist in dieser Welt ist unrecht verteilt. Berge und Flüsse, Meere und Äcker, fette Böden und Butter, nur die Moral, die ist in allen Ecken dieses Planeten gleichsam dünn gestreut. Doch nun gehe, verlasse den Hinterhof in meinem Kopf, doch sei Dir gewiss, zu Weihnacht gibt es von mir eine Spende. Doch bis dahin ist es noch weit, und auch ich, auch ich habe ein gerüttelt Maß an Problemen! Arrivederci und Grüße auch an deine sieben Frauen!”
Selbstredend weiß ich ja gar nicht, ob der dunkle Herr im gedanklichen Hof Bigamist ist, was aber auch so was von nur egal ist, denn seinen eigenen Hirngespinsten gegenüber darf man unkorrekt und zynisch bis zum geht nicht mehr sein. Es macht am Ende schon einen Unterschied, ob das Elend der Welt in natura an der Haustüre klingelt, oder nur in meinem Geiste im vom Winter übergangenen Hof steht und durchs Küchenfenster linst. Und mein schlechtes Gewissen scheint ausgerechnet heute gern etwas länger in den Federn liegen zu bleiben.
Mein im vorherigen Absatz angesprochenes Problem ist selbstredend nur gering in seiner Ausprägung, wenn man die Problematik Welthunger gegenüber stellt. Dennoch möchte ich, denn der Mensch ist egoistisch, und zudem immer der Meinung, nur seine Probleme wären existentiell, darüber schwätzen. Und da auch ich also nur so eine Art Mensch bin, kreide ich auf diesem Wege an: Wenn ich an zwei bis drei Tagen in der Woche zu ALDI gehe, und bei dieser Gelegenheit mein Leergut von etwa zwei bis drei Flaschen entsorgen möchte, so sehe ich mich schon um einen gehörig großen Anteil an Lebenszeit betrogen, wenn vor mir am Leergutautomaten Menschen dazu neigen, ihren Jahresbetrag an Leergut in einem Stück zu entsorgen.
Menschen, die mit drei und manchmal auch mit vier gelben Säcken voll mit Pfandflaschen den Automaten über Stunden blockieren, sind gewiss einer der Anlässe, welche aus an und für sich biederen Bürgern regelrechte Kotzbrocken machen. Und mit Kotzbrocken meine ich mich. Denn die Gelassenheit, welche ich mir seit geraumer Zeit geschworen habe, mir angedeihen zu lassen, ist noch nicht voll ausgreift, eher noch so brüchig wie der Frieden zwischen den Bayern-Ultras und Torwart Neuer. Und so wünsche ich allen Leergutblockierern an den Hals: Möget Ihr, die Ihr drei und manchmal auch vier gelbe Säcke voll mit Pfandflaschen in einem Stück entsorgen wollt, allesamt noch einen Gutschein für Schlecker im Wert von 100 Euro haben! Und davon zwei Stück!
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