Wenn es im Schritt hell schimmert
Gestern zog es mich samt Gattin in den nächst größeren Ort, um dort in trauter Gemeinschaft einzukaufen. Bewusst umschiffe ich den Begriff “shoppen”, denn “shoppen” hat mit einkaufen in etwa genau soviel zu tun, wie “anbaggern” mit Tiefbau.
Um an dieser Stelle kurz kristallene Klarheit zu schaffen: einkaufen geht man zum Beispiel, wenn die Hose an unterschiedlichen Stellen so stark durchgewetzt ist, dass man als deren Träger Gefahr läuft, wegen Erregung Öffentlichen Ärgernisses vor den Kadi gezerrt zu werden. Ruckzuck wird man nämlich - wenn im Schritt des dünnen Stoffes wegen blanke beharrte Haut mehr als nur zu erahnen ist - mit den Herren gleichgestellt, welche in dunklen Abendstunden vor einzelnen Damen gern mal ihren Mantelschoß lüften. Hier kennt der Gesetzgeber keinerlei Gnade, weil Genitalien sind nun mal Privatsache und wer sie dennoch der Allgemeinheit zugänglich machen will, der soll gefälligst bei Professor Gunther von Hagens klingeln, der sie ihm geschickt plastifiziert und in monströsen Ausstellungen um die bewohnte Welt schickt.
Die Einzigen, die im Park Schwanz zeigen dürfen, sind Eichhörnchen und Ente. Mantelschöße bleiben da berechtigterweise zu. Und wer sie dennoch öffnen tut, der soll gehörig Fracksausen dabei haben. Was ich aber damit sagen wollte ist, man kauft ein, wenn man muss. Zum Beispiel auch mal Hosen.
“Shoppen” hingegen ist eine Form geistigen Totalausfalles, denn dabei gehen Menschen in Textilmärkte, um Hosen zu kaufen, dabei haben sie schon eine, und die ist nicht mal durchgescheuert. Man eilt also durch Geschäfte und Einkaufszentren nicht um einen dringenden Bedarf zu decken, sondern um mittels “shoppen” die Leere des Seins auszufüllen. Was natürlich reiner Unfug ist, denn die Leere des Daseins lässt sich nicht mit einem Haufen baumwollner Hosen stopfen, weil, ganz gleich wie viele Jeans ich auch hinein stopfe, die Leere wächst genau um diesen Betrag wieder an.
Eher ist doch das ganze Gegenteil der Fall: je weniger ich dem Materiellen an Wert zugestehe, um so geschwinder schrumpft die Leere in sich zusammen, bis nur noch ein kleiner kaum sichtbarer Punkt übrig bleibt, welcher in Wahrheit aus wahnsinnig hoch konzentriertem Glück besteht. Da ist das Glück so hoch dosiert, dass man quasi dran sterben kann. Was aber nix macht, denn man stirbt mit einem extrabreiten Lächeln. Wer aber so geht, der geht reinen Herzens. Er hat gewissermaßen die Umweltplakette auf der Stirn kleben, welche zum freien Zutritt - zu wo immer auch hin - berechtigt.
Soweit die Theorie, welche ich mir über die Jahre hin erarbeitete, aber an deren praktischem Umsetzen ich oft scheitere, so wie gestern, da ich mir statt einer, zwei Hosen kaufte. Der Geist war willig, doch das Fleisch war schwach. Und noch bin ich einfach nicht so weit, als dass ich reumütig nun eine der beiden Hosen nehme, um sie mit Schleifstein und Schere und Axt so zu bearbeiten, als dass sie zerfetzt durchwetzt vernünftigen Grund für den Erwerb der anderen Hose gibt. Ich bin ein Sünder, doch meine Gattin, die sündigte noch weit mehr. Denn zu ihren zwei Hosen erwarb sie noch ein Oberteil.
Dies nur fürs Protokoll, und nicht als Vorwand mich eine alte Petze zu schimpfen. Denn irgendwann, da bin ich mir so was von sicher, werden wir alle Rechenschaft ablegen müssen, und wenn schon vor keinem Gott, so doch vor einem ausgelaugten Planeten und einer dumm aus der Markenjeans guckenden Nachfolgegeneration, und dann, dann reiße ich den Kleiderschrank meiner Gattin auf und sage mit laut erhobener Stimme: Ja ich habe gesündigt, doch seht, SIE sündigte ein Oberteil mehr!
Denn wenn mir dann schon keine Umweltplakette auf der Stirne klebt, ich also keinen freien Zutritt - zu wo immer auch hin - habe, so möchte ich nach dem von uns verursachtem Weltuntergang mit meiner Gattin gemeinsam wie der Ochs vorm Tore stehen. Einlass haben nur die, die immer nur einkaufen gingen. Wer aber “shoppte”, der muss draußen mindestens warten, bis alle seine Hosen durchgewetzt sind.
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