Von Pickeln und Post-Apokalypse
Gestern gegen die Mittagszeit herum wurde ich gewahr, wie sich zwei junge Herren in schwarz und einer Frisur, welche, um den Läusen keine Heimstatt zu geben, nicht selten in von Krieg und Armut gezeichneten Landstrichen getragen wurde, sich an meinem Briefkasten zu schaffen machten. Mir war schon klar, dass es sich dabei keineswegs um die Postfrau handeln konnte. Denn die für meine Straße zuständige Postbeamtin trug noch nie eine Stoppelfrisur. Und wenn sie kam, so stets nicht zu zweit und auch nicht männlich.
So schnell mich meine von dicken Herbstsocken bemäntelten Füße trugen eilte ich zur Tür, um nachzuschauen, für was sich der Erfinder des Buchdruckes wohl diesmal schämen müsste. Und siehe da: er hätte wahrhaftig allen Grund dazu.
Weil, es handelte sich nicht um die auf mich doch relativ harmlos wirkende Werbung von Aldi, welche uns seit kurzem wöchentlich zuteil wurde. Die kam nämlich schon gestern. Und offerierte unter anderem ein DVD Micro-Audio-System mit der heutzutage obligatorischen Docking-Station für iPhone bzw. iPod, und eine Elektrische Friteuse, allerdings ohne Andockstation für Artikel der Firma Apple. Also eine Friteuse für Leute, die fern überteuerter Lifestyle-Produkte ihre Pommes genießen wollen und auch können.
Andererseits wäre es vielleicht ja doch ganz interessant, wenn man die technische Möglichkeit hätte, das iPhone an die Friteuse zu koppeln, um über ein App zu kontrollieren, wann denn die Fritten nun endlich den optimalen Garpunkt erreicht haben. Dieses würde dann automatisch über das App an Facebook gemeldet, worauf meine Tochter im Kinderzimmer der oberen Etage eine Statusmeldung verfassen würde, in der die Worte "Futter" und "Gleich wieder da" jeweils mit drei Ausrufezeichen versehen wären. Hierauf würde meine Tochter in der von fetthaltiger Luft durchdrungenen Küche erscheinen, was sie in letzter Zeit doch eher selten tut, denn sie pubertiert. Und pubertierende Töchter verlassen nicht mehr als unbedingt notwendig ihr mit Postern von überdurchschnittlich gut aussehenden und überdurchschnittlich schwach spielenden Schauspielern overstyltes Refugium.
Zu meinen Zeiten war der Begriff Pubertät ja weitgehend unbekannt. Auch die sozialen Auswirkungen einer Pubertät. Jedenfalls fehlt mir jegliche Erinnerung daran, dass ich mit 12, 13 oder 14 Türen schmiss, nur weil mir Haare dort wuchsen, wo bis dahin keine waren. Auch begegnete ich Erwachsenen nicht flapsig, nur weil sich nächtens Blut in Körperteilen sammelte, die bis zu diesem Zeitpunkt eher schwach durchblutet waren. Auch erinnere ich mich nicht daran, ich wäre viertelstündlich von Stimmungswechseln geschüttelt gewesen. Meine körperliche Reifung vollzog sich in aller Stille und nebenbei. Auch meine Geschwister machten nie ein großes Brimborium der Wachstumsschübe wegen. Jedenfalls bemerkte ich niemals Berg-und-Tal-Fahrten ihrer Gefühle; wir trugen den Wandel unserer Körper wie Männer. Sogar meine Schwester.
Ich denke ja, die heutigen negativen Nebenerscheinungen der Adoleszenz sind nicht immer den Hormonen geschuldet. Nur weil in Eierstöcken oder Hoden Dinge passieren, die zwangsläufig nun einmal passieren müssen, kann der Gebrauch böser Worte nicht unabwendbar daran gekoppelt sein. Jedenfalls ist mir noch nie zu Ohren gekommen, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen der Ausprägung körperlicher Attribute und der Erkenntnis, dass Eltern doof sind. Wenn Eltern doof sind, so waren sie es auch schon vorher. Man guckt doch nicht RTLII, nur weil der Tochter die Brüste wachsen, oder der Sohn sich das erste Mal rasiert.
Ich denke, es ist eher eine Sache der Erziehung, wie ein Heranwachsender die Resultate seiner Menschwerdung akzeptiert. Die Pubertät, so las ich, macht aus dem Hirn eine Baustelle. Die Aufgabe der Eltern sollte somit sein, gewissenhaft darauf zu achten, dass die Bauarbeiten recht zügig und ohne Beeinträchtigung der Umwelt abgeschlossen werden. Und wo Pfusch am Bau die Regel ist, ist somit die Bauaufsicht durch Türenschmeißen und Launenhaftigkeit naturgemäß in Regress zu nehmen.
Was die beiden Herren in Schwarz und Kurzhaarfrisur allerdings an Gedrucktem in meinem Briefkasten versenkten, ist mir in dieser Kolumne kein Wort wert. Und ein Blick aus dem Fenster verspricht zudem bestes Endnovemberwetter. So werde ich also den Nachmittag, während die Gattin das Wohnzimmer erstadventlich verschandelt, vorm Haus an der frischen kühlen Luft verbringen. Und in Vorfreude auf den Glühwein den Briefkasten gründlich desinfizieren.
Mehr vom Kolumnistenschwein? Kein Problem!
"Der Tag, an dem ich mit Angela Merkel schlief".
Jetzt als Kindle-eBook mit vielen unveröffentlichten Kolumnen von "nachdenklich" bis "zum Brüllen komisch". Erhältlich bei Amazon für 4,99 €.
Die kostenlose Kindle-Software für PC, Mac, Android, iPhone und iPad gibt es dort natürlich auch.
Lesespaß garantiert!









