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Herbstblues

kolumnistenschwein_150Wenn morgens kurz nach 6 Uhr in der kalten Werkshalle das Display des Bedienpaneels rot blinkend verkündet, es läge eine "Störung der Antriebe" vor, so denke ich bei mir "Sieh mal einer an, Kollege Künstliche Intelligenz hat dir aber tief ins Herz geschaut!"

Nun ist das mit dem Antrieb ja so eine Sache. Klar: der Selbsterhaltungstrieb, welcher wohl irgendwo im Stammhirn jedes einzelnen Menschen sein Unwesen treibt, stellt nicht die Frage nach Sinn oder Unsinn einer Existenz; er ist nur der lendenbeschurzte Typ mit Peitsche in der Hand, welcher einen Tag für Tag dazu bringt, das Ruder wiederum ins Meer der gnadenlosen Zeit zu tauchen, um irgendwann mit dem Boot namens "Mein Leben" zu Tode erschöpft in der Unendlichkeit zu stranden. Und bis zu diesem finalen Ankerwerfen ist es kein Zuckerschlecken. Sonst wäre dieses Boot ja auch ein Schiff und hieße AIDA.

Hier ist Kollege Maschine klar im Vorteil. Dieser aus der fixen Idee heraus, in immer kürzerer Zeit immer mehr zu produzieren, entstandene blecherne Unhold, begreift Antriebslosigkeit ja nicht als Ergebnis eines tieferen Denkprozesses. Unsereins hingegen wacht früh auf, und obwohl man eigentlich noch viel zu müde für klare Gedanken ist, fragt man sich still in dem noch stillerem Raum, was der Quatsch eigentlich soll, doch schon knallt der Typ im Lendenschurz wieder mit der Peitsche und der Wecker, sein batteriebetriebener Spießgeselle, zwinkert ihm akustisch mit der Weckrufwiederholung zu.

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Zwar gäbe es für mich stichfeste Argumente einfach liegen zu bleiben: der Baum ist gepflanzt, das Haus, wenn schon nicht gebaut, so doch geerbt, und ja, ein Kind habe ich angeblich auch schon gezeugt. Alles, was es in einem Menschenleben zu tätigen gilt, kann ich getrost abhaken, ein Kreuz dahinter machen, durchstreichen und mich somit beruhigt zurücklehnen. Man kann demzufolge ohne jegliches schlechtes Gewissen abtreten. Auch wenn es ja wirtschaftlich durchaus sinnvoll ist, nach Erreichen des Solls noch möglichst lange weiter existent zu sein, denn man wird ja schließlich als Konsument gebraucht. Interessant dazu das Gespräch, welches ich gestern mit einem Bekannten führte, welcher seit Urzeiten in einem Altersheim arbeitet.

So erzählte er mir, dass zu DDR-Zeiten den Alten die Möglichkeit gegeben war, zu gehen, wenn es an der Zeit ist. Heute, so sagte er mir weiter hinter vorgehaltener Hand, könne man sich so einen von der Natur bestimmten Exitus gar nicht leisten. Sobald also die Zeichen auf endgültigen Feierabend stehen, eilen Ärzte herbei, um den siechen Verbraucher von medizinischen Dienstleistungen und Pharmaprodukten solang wie möglich am nicht mehr lebenswerten Leben zu halten. Denn welchem Apotheker nützt schon ein Gesunder, der nur ab und an nach wochenendlichen Ausschweifungen nach einer Aspirin verlangt? Doch ist er erst halbtot, so ist er der Pharmaindustrie eine wahre Gelddruckmaschine. Geht es mir schlecht, geht es dem Apotheker gut. Und wenn er mir dann eine "Gute Besserung!" hinterher wünscht, so sollte ich ihm doch endlich einmal sagen, dass ich gleich zurück käme, nur eine Säge hole, um ihm dabei zu helfen, an dem Ast zu sägen, auf welchem er sitzt. Auch las ich mal Statistiken, die davon berichteten, wie teuer dem Staat ein Unfallopfer käme, da dieses ja nun keine Steuern mehr zahlen könne. Allerdings bringen mir diese sicherlich sehr genau recherchierten Zahlen nicht, was ich dem gesichtslosen Selbsterhaltungstrieb als buntes Mäntelchen umwerfen könnte.

Wenn morgens kurz nach 6 Uhr in der kalten Werkshalle das Display des Bedienpaneels rot blinkend verkündet, es läge eine "Störung der Antriebe" vor, so denke ich bei mir "Sieh mal einer an, Kollege Künstliche Intelligenz hat dir aber tief ins Herz geschaut!"

Um die Maschine wieder in Gang zu bringen, haben ein paar wenige Handgriffe gereicht. Bei mir wird man wohl etwas länger Hand anlegen müssen.

 

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  21.05.2012 The Intelligence

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