Mallorquinischer Gedankenabstrich (2)
Ich mag keine Barhocker: man sitzt auf wenigen Quadratzentimetern in gut anderthalb Metern Höhe, was zu bösen Stürzen führen kann, sagt man zum Barkeeper nicht rechtzeitig "Stopp!" Da lob ich mir den weichen Zweisitzer, in welchem ich gerade zur Hälfte versunken bin, und mit jedem Wodka rutsche ich noch einen Zentimeter und noch einen Zentimeter tiefer in die mit mir unbekannten chemischen Fasern gefüllten Polster. Zum anderen ist diese treibsandähnliche Sitzgelegenheit taktisch äußerst klug gelegen, so dass ich mit geübtem Rundblick das Geschehen in der Bar optisch aufsaugen kann, so wie die Prozente des Wodkas gezielt und verdammt schnell an meinen Synapsen ankoppeln.
Und wenn denn schon Alkohol, so bevorzuge ich stets die zuckerfreien Varianten: Weine, so trocken wie die Mumien in Sonderlichkeiten hortenden Museen, und Hochprozentiges, so klar und glitzernd wie eine "Gläserne" Produktion. Wobei ich jetzt gar nicht sagen kann, ob jene "Gläsernen" Produktionslinien eigentlich noch angesagt sind. Ich weiß nur, dass der Hersteller des bemannten Schuhkartons namens Smart eine solche Produktionsstätte betrieb, wobei sich das "gläsern" wohl auf die gläsernen Fassaden bezog, welche Neugierigen erlaubte, den schraubenden und schwitzenden Kollegen am Band beim Schrauben und Schwitzen zuzuschauen. Wohl kann es aber sein, meine Erinnerung trügt, da ich jenes Werk nie besuchte, denn Schrauben und Schwitzen zählte noch nie zu den Dingen, die ich vor meinem Tode noch unbedingt einmal gesehen haben wollte.
Am Tisch vor mir spielt eine dreiköpfige Familie Karten, und ich gehe davon aus, dass sie keinen Skat "dreschen", denn ihre Gesichter sind friedlich und ihre Wortwahl zeigt keinerlei Aggression. Es handelt sich wohl um "Mau-Mau" oder ein ähnlich harmonisches Aufeinanderlegen von farblich gleich gestalteten Karten, was die familiäre Urlaubsidylle wirklich nicht wesentlich stören sollte, denn beim "Mau-Mau" wird, im Gegensatz zum Skat, nicht gereizt. Einzig und allein köchelt die Stimmung etwas auf, wenn "Mutti" halbstündlich vom Klo wieder kommt und dann natürlich wieder keiner weiß, wer denn nun "geben" muss. Doch ist dieses Aufkochen nicht so dramatisch, als dass die Hälfte dieser Familie sofortig beschließt, umgehend die Koffer zu packen und den nächsten Flieger in die nördliche Heimat zu nehmen, welches bei drei Personen auch sicherlich recht schwer zu bewerkstelligen ist.
Hinter mir verlässt eine fünfköpfige Gemeinschaft soeben ihre Sitzgruppe, was mir nicht so recht in den Kram passen will, da ich gerade mein Haupt genau in jene Richtung drehte, um so einige Fäden ihres Gespräches aufzufangen, um daraus kräftigen Stoff für die nächsten Zeilen zu stricken. Doch statt Gedankensegeltuch Pustekuchen!
Also wieder einmal drei Schritt vor und zwei zurück, was bedeutet, mir nochmals die Thematik "Barhocker" zur Brust nehmen zu müssen. Denn noch sind da einige Fragen offen, um deren Beantwortung sich die täglich eine Stunde im Foyer Aufwartung machende Reiseleitung noch nie kümmern musste. Und die Fragen lauten wie folgt:
1. Wie viele Touristen sind von den Hockern, welche einige wenige Meter von mir entfernt die Bar einzäunen, in dieser Saison wohl bereits in den Tod gestürzt?
2. Kommt die Reiseversicherung in diesem Fall eigentlich auch für die Kosten der Rückführung der dem unseligen Zusammenhang von Pina Colada und Barhockerhöhe anheim Gefallenen und zudem von Sonnenbrand gezeichneten Kadaver auf?
Im Koffer geht ja wohl nicht, da diese auf 20 Kilo pro Fluggast beschränkt sind. Da müsste man Karl-Heinz schon auf mehrer Gepäckstücke verteilen, was dann doch zu großem Ärgernis beim Zoll führen dürfte. Auch weiß man ja, das so mancher Koffer sein Ziel verfehlt. Und wenn dann sagen wir mal 20 Prozent Karl-Heinz auf dem Flughafen Erfurt-Weimar landen, 35 Prozent auf dem Charles-de-Gaulle-Flughafen in Paris und 45 Prozent in Barcelona, da rennt der von Pietät ganz gesichtslose Bestatter gewiss von Pontius bis Pilatus, und die, ähem..., Familienzusammenführung dauert bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Darum also sitze ich, statt auf das Leben gefährdenden Barhockern, im ultraweichen Sitzelement und jeder weitere Wodka verankert mich noch tiefer darin. Und die Familie vor mir spielt immer noch ihr so unaufregendes Kartenspiel und ich schaue dem "Vati" über die hängenden Schultern und denke mir, so also sieht es aus in einer "Gläsernen" Produktion. Ein kleiner aber feiner Familienbetrieb. Und ihr Produkt heißt Gedankensegeltuch.
Nachtrag: Ich konnte keinerlei Hinweise darauf finden, dass der "Smart" in einer "Gläsernen" Produktion hergestellt wird bzw. je wurde. Der Wodka ließ mich wohl über Gebühr fabulieren.









