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Die Geschichte, in der ganz oft der Name Hermann Peters fällt, aber trotzdem übel endet

kolumnistenschwein_150Als Hermann Peters die Tür seiner kleinen Zoohandlung wie an jedem anderen Wochentag auch um 9.30 Uhr öffnete, konnte er noch nicht ahnen, dass er um 14.21 Uhr den Satz "Heute ist ein guter Tag zum Sterben" äußern würde, um kurz darauf seinen Kopf in das Terrarium mit der Boa Constrictor zu stecken, die ihn, ihrem ureigensten Instinkt folgend, innerhalb von nur wenigen Minuten erwürgte. Hermann Peters schloss die Tür seiner winzigen Tierhandlung hinter sich und begann mit seinem Tagewerk. Er fütterte die Fische, wechselte das Streu bei Hasen und Mäusen, sprach mit dem Graupapagei und dem Leguan, warf vier junge Angorahamster - die sich wegen dem im Anmarsch befindlichen Frühling gerade wie blöde vermehrten - in die Glasvitrinen mit den Vipern und Ottern, und fing ein paar Fliegen für seine immer hungrigen Spinnen mit der bloßen Hand. Er streichelte im vorbeigehen Franz-Joseph, den 18 Jahre alten Dobermann, der seit Urzeiten taub und blind. Hermann Peters hatte es nicht übers Herz gebracht, den Hund einschläfern zu lassen, da dieser ihn doch so oft, wenn Hermann Peters mal wieder in tiefsten Depressionen verweilte, zum lachen brachte, mit seiner an Wänden und Schränken schorfig gestoßenen Nase.

Bis 12.00 Uhr Mittag verkaufte Hermann Peters drei Black Mollys, ein Dutzend Farbmäuse, zwei Stabheuschrecken und einen 20-Kilo-Sack mit Trockenfutter. Es war ein ruhiger Tag, wie alle anderen auch, in den fast nun schon 30 Jahren, in denen Hermann Peters seinen Laden führte. Er wurde nicht reich dabei, aber dass war ihm egal. Er mochte den Geruch von Katzen und Hunden, auch wenn dieser ihm oft in der Nase stach. Besonders zwischen Mai und August.

So gegen 12.30 Uhr, er hatte gerade eben noch 300 Gramm Mehlwürmer veräußert, zog er sich hinter einen Vorhang zurück, der den Laden von einem Vorratsraum trennte, in dem er Tiernahrung, Halsbänder und Leinen und ähnliches lagerte. Ein kleiner Tisch mit Stuhl stand hinter dem Vorhang. Hier pflegte Herrmann Peters sein Mittagessen einzunehmen, immer mit einem Auge durch ein Loch im Vorhang schielend, damit er, sobald Kunden den Laden betraten, blitzschnell zur Stelle war.

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Hermann Peters biss in sein Käsebrot, trank seinen heißen Kaffee in kleinen Schlucken und blätterte im PLAYBOY, welchen er auf dem Wege zur Arbeit an einem Kiosk erstanden hatte. Er faltete das Poster in der Heftmitte auseinander, schaute wieder durch das Loch im Vorhang: er war allein im Geschäft. Hermann Peters betrachtet die dunkelhäutige Schönheit im Hochglanzformat und spürte den Frühling, genau wie die Angorahamster, und wie ihm das Blut in die Lenden schoss. Er blickte nochmals durch den Vorhang, konnte Niemanden sehen und begann an seinem Hosenstall zu fummeln, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Just in diesem Moment läutete die Türglocke. Hermann Peters verließ Käsebrot und Zeitschrift und betrat den Geschäftsraum. In dessen Mitte stand ein Mann um die 45, schütteres Haar, schüttere Zähne, gekleidet in einen bräunlichen Anzug, der schon längere Zeit kein Bügeleisen seinen Freund nannte, und schaute etwas hilflos im Laden umher.

"Schönen guten Tag", so Hermann Peters, "Kann ich Ihnen helfen?"

"Ich weiß nicht. Ich suche ein Tier."

"Da sind Sie genau richtig bei mir. Ich verkaufe nämlich Tiere. An was für ein Tier haben Sie denn gedacht?"

Der Mann schaute auf seine Schuhe, die in ihrem langen Leben scheinbar noch nie etwas von der Firma Erdal gehört hatten.

"Keine Ahnung. Es ist nämlich so, seit zwei Wochen lebe ich von Inge, also meiner Frau, getrennt. Und na ja, irgendwie habe ich mich eben noch nicht so daran gewöhnt. Den ganzen Tag allein in der Wohnung. Und so. Da dachte ich, ein Tier, ein Tier wäre vielleicht nicht schlecht.

Was können sie mir denn da so empfehlen?"

"Fische. Wie wäre es mit Fischen. Machen keinen Dreck, sind sehr ruhig und müssen nicht Gassi gehen. Ich habe gerade neue Goldfische hereinbekommen."

"Goldfische habe ich schon. Im Bad."

"Sie haben Goldfische im Bad?"

"Ja. Immer wenn ich nachts mal raus muss und das Licht im Bad anmache, dann sehe ich die Viecher, wie sie unter die Badematte krabbeln."

"Sie meinen Silberfische."

"Silberfische?"

"Ja, Silberfische. Das sind aber keine Fische, sondern Ungeziefer."

"Sie verkaufen Ungeziefer?"

"Nein, ich verkaufe Goldfische. Das ist etwas ganz anderes."

"Goldfische? Müssen die auch unter die Badematte?"

Hermann Peters begann sich leicht unwohl zu fühlen.

"Goldfische", sprach er, in nun in leicht gereiztem Tonfall, "Goldfische tut man in ein Aquarium."

"Aus Badematten?"

"AUS GLAS! Aquarien sind aus Glas!"

"Ach so. Ein Kollege von mir hat so was auch. Da hat er aber Schlangen drin."

"DAS IST EIN TERRARIUM! Schlangen hält man in TERRARIEN. Fische in AQUARIEN."

"Wo ist da der Unterschied?"

Hermann Peters schluckte. "In Aquarien ist Wasser. Und in Terrarien ist kein Wasser."

Der Mann im Ungebügeltem kratzte sich unterm Arm.

"Und wenn das Aquarium ausläuft. Ist es dann automatisch ein Terrarium?"

Hermann Peter glaubte das erste mal in seinem Leben, in seinem Beruf etwas überfordert zu sein. Sein Kunde drehte sich im Kreis, klopfte an die Glasscheibe mit den Vogelspinnen dahinter.

"Mein Nachbar hat ein Rhinozeros.", sagte er, während er mit einer Hand in den Farbmäusen wühlte.

"Ihr Nachbar hat ein Rhinozeros in der Wohnung!?"

"Nein, nein. Nicht in der Wohnung. Im Gewächshaus."

"Ein Rhinozeros???"

"Hat er gesagt. Ganz grün. Und braucht Unmengen an Dünger."

"DÜNGER?! Sie meinen Rhododendron!"

"Sag ich doch."

"Nein. Sie sagten RHINOZEROS. Ein Rhinozeros ist ein Nashorn."

"Nashörner muss man düngen?"

Hermann Peters schaute auf seine Uhr. Noch 4 Stunden bis Feierabend.

"Okay, okay. Wie wäre es mit einem Pudel."

Der Mann im braunen Jackett kratzte sich am Hals.

"Pudel? Sind das Seehunde?"

"Wie kommen Sie denn um Gottes Willen darauf?!"

„Na ja, wegen dem Aquarium."

Hermann Peters begann an seinem Pulloverkragen zu ziehen. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Viel Schweiß.

"Passen Sie auf„, sprach er mit einer Stimme, die nun doch schon etwas harsch klang.

"Hunde sind wahrscheinlich doch nicht das richtige für Sie. Hamster. Wie wäre es mit einem Hamster. Der schläft den ganzen Tag und wird erst nachts so richtig aktiv."

Der Kunde wurde etwas fahl im Gesicht.

"Nein, lieber nicht. Der erinnert mich zu sehr an Inge."

Hermann Peters Atmung stolperte.

"Okay, vergessen wir den Hamster. Wie wäre es mit einem Papagei. Ich hätte da einen wundervollen Graupapagei anzubieten. Spricht mindestens 200 verschiedene Worte. Ein sehr schlaues Tier."

Der Mann schaute wieder auf seine Schuhe.

"Ich weiß nicht. Ich bin eh' schon nicht so gut drauf. Haben Sie den Graupapagei nicht auch in Blau und Rot ?"

"GRAUPAPAGEIEN GIBT ES NUR IN GRAU! Wären sie BLAU und ROT, so hießen sie ja sicherlich BLAUUNDROTPAPAGEIEN!"

Stille. Hermann Peters spürte sein Herz ungestüm schlagen. Eindeutig zu schnell. Er wünschte, er wäre zu Haus. Der Typ im zerknitterten Anzug schaute auf.

"Haben Sie Blauundrotpapageien?"

"ES GIBT KEINE BLAUUNDROTPAPAGEIEN!!!"

"Na, jetzt hören Sie aber mal. Ich habe doch selber welche im Fernsehen gesehen. Kunterbunt. Und haben den ganzen Tag an Bäumen herumgeklopft."

Hermann Peters zog ein Papiertaschentuch aus seiner Hosentasche und betupfte seine Stirn. Er drosselte seine Stimme.

"Spechte. Sie meinen Buntspechte."

Er versuchte das Taschentuch wieder in die Tasche zu stecken. Umsonst. Das Taschentuch fiel zu Boden. Kleine Papierfetzen klebten nun über seinen Augenbrauen. Inges Mann ging einen Schritt auf Hermann Peters zu.

"Haben Sie Buntspechte?"

"NEIN! HERRGOTTNOCHMAL!"

"WAS SCHREIEN SIE MICH DENN SO AN! Dann nehme ich eben einen Grauspecht!"

Hermann Peters linkes Auge begann zu zucken. Ein Leiden, welches er vor 27 Jahren für immer besiegt zu haben glaubte. Ein Schweißtropfen baumelte an seiner Nasenspitze.

"Passen Sie auf! Meerschweinchen. Ich schenke Ihnen ein Meerschweinchen. Mit Käfig. Und Futter für 2 Monate. Ein Meerschweinchen macht so gut wie keine Arbeit. Und ist außerdem sehr kinderlieb."

Nun begann es auch im Gesicht des Kunden zu arbeiten. Seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben. Die Brauen auch. Und die Augen wurden feucht.

"Mein Frau hat die Kinder mitgenommen. Alle fünf!", gaben zitternd seine Lippen frei.

Hermann Peters rechtes Auge begann nun auch zu zucken. Und dieses zuckte eigentlich noch nie. Nicht mal vor 27 Jahren.

"Oh, dass tut mir leid"

"Das haben Sie mit Absicht gesagt, stimmt's?", zischte der Mann im Anzug, "nur weil ich Ihren blöden Goldspecht nicht gekauft habe, stimmt's?"

Hermann Peters schob sich langsam rückwärts Richtung Vorhang. Beide Augen zuckten. Die Schultern auch.

"Woher soll ich den wissen, dass ..."

In diesem Moment klingelte es in der Hosentasche des Kunden. Ein Handy. Hermann Peters kannte die Melodie. Er hatte sie schon oft im Kino gehört. Es war das "Lied vom Tod". Der Kunde zog das Telefon aus der Tasche.

"Ja? Ingelore?! INGE! JA. JA. Natürlich. Klar. JA. Sofort. In 10 Minuten bei mir. 10 Minuten. INGE?! Ich, ich, ICH LIEBE DICH!"

Er schaltete sein Handy aus, steckte es zurück und ging auf Herrmann Peters zu. Dieser versuchte den Vorhang wegzuziehen, bekam ihn aber hinter seinem Rücken nicht zu greifen. Schweiß lief ihm in die zuckenden Augen.

"Das war Inge!. Sie will wieder zu mir ziehen!", sagte der Kunde, griff sich Hermann Peters Kopf, zog diesen zu sich heran und küsste Hermann Peters mitten auf den salzigen Mund. Und verließ den Laden.

Hermann Peters stand circa 10 Minuten bewegungslos im Raum. Dann begab er sich hinter den Vorhang, schlug den PLAYBOY zu und strich die Käsebrotkrümel vom Tischtuch. Er blickte nach unten. Sein Hosenstall war auf. Herrmann Peters nahm seine Armbanduhr ab und warf einen Blick darauf: 14.21 Uhr. Er zog seine Geldbörse aus der Hosentasche und legte sie samt Uhr neben die halbgeleerte Kaffeetasse.
"Heute ist ein guter Tag zum Sterben", sprach er, begab sich in den Verkaufsraum und steckte seinen Kopf in das Terrarium mit der Boa Constrictor, die ihn daraufhin, ihrem ureigensten Instinkt folgend, innerhalb von nur wenigen Minuten erwürgte.


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