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Götterspeise am Ende des Tunnels

kolumnistenschwein_150Wenn einem das Leben mal wieder besonders intensiv klar macht, dass es ohne einen jeglichen Sinn daher kommt, und dazu das Wetter dafür sorgt, diesen Zustand mittels Regen und Kühle auch noch zu potenzieren, und einem zudem ausgerechnet in diesem äußerst bedenklich zu bezeichnenden Zeitraum mitgeteilt wird, die die eigene Haushaltskasse betreffende Straßenausbaugebühr* wird rückwirkend bis zum Dänisch-Schwedischen Krieg von 1657 erhoben, dann schreit das gemarterte Ich, also mein Hirn, nach sofortigem Trost, und dieser Trost sollte unendlich süß und ebenso kalorienreich sein.

Und so sprang mir meine Gattin erst letztlich bei mit einer großen Schüssel, voll mit frisch bereiteter seelischer Unterstützte, was schließlich weder unsere Eheurkunde von ihr abverlangt, noch irgendwo grundgesetzlich verankert ist. In der Schüssel befand sich eine eilig zusammen gerührte Süßspeise, eine Art Schnellhilfe aus dem psychologisch-kohlenhydratreichen Notarztkoffer, der ja heutzutage in jedem Supermarktregal Nähe Schnellgerichte für die kaloriengierige, vom gesellschaftlichen Status Quo gebeutelte Kundschaft bereit steht. "Paradies Creme", so der Name des Produktes, für welches sogar ein gewisser "Dr. Oetker" seinen guten Namen hergab. Und da die Halbgötter in Weiß ja unser Vertrauen sowieso en masse in ihren immer frisch desinfizierten Händen halten, so sollte man dementsprechend auch ihren angepriesenen Produkten nicht gefühllos den kalten Rücken zuwenden, sondern statt dessen seinem Belohnungszentrum im Hirn Bescheid stoßen, dass es gleich seinen gierigen Schlund mit Hochwertigem gestopft bekommt.

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Und tatsächlich: der Schüssel entströmte ein Geruch, der mir Außerordentliches versprach: so muss es wohl im Paradiese riechen! Doch nicht nur der Geruch war himmlisch; auch die Konsistenz der Creme: wie aus Ambrosia geformte Wolken! Und desgleichen der Geschmack, die Süße: es war, wonach mein geschundenes Bewusstsein lechzte, klebrige Saccharose, das biblische Manna, welches alle Alltagswunden gewiss sofort mit heilendem paradiesischen Schlabber bedeckt. So als hätte Gott höchstpersönlich in genau jene Schüssel gewichst.

Ich schlang die gelbliche Masse hinunter, glibberte mit dieser "Paradies Creme" eine Sorge nach der anderen zu, die Sinnlosigkeit, das Wetter, die unbezahlten Meter Strasse vorm Fenster, bis mein Belohnungszentrum unter der süßen Last ächzte und stöhnte, und mir mit verklebten Lippen kaum hörbar zu stöhnte, auch mein Insulinbesteck werde bestimmt schon geschmiedet.

Inne hielt ich, rieb zufrieden meinen Leib in Höhe des straff sitzenden Gürtels, wobei mir mal wieder auffiel, dass es dem Gehirn eigentlich so was nur von egal ist, wie sein Besitzer um die Hüfte rum aussieht. Das Gehirn muss ja schließlich nicht unter die Leute. Es sitzt im Dunklen und befiehlt den Organen, sie mögen doch bitte Energie bereit stellen, damit Diktator Zerebrum seine seelische Pein verarzten kann. Glücksgefühle sind des Gehirnes Hemd, Hüften scheinbar nur die Hosen. Da muss man nicht lange überlegen, was im wohl näher ist.

Doch hinweg schob ich diesen Gedanken und nahm die leere Tüte "Paradies Creme" zur Hand, auf deren Rückseite nicht nur eine für von Lese- und Rechtschreibschwäche Befallene bunt bebilderte Zubereitungsvorschrift aufgedruckt war, sondern leider auch die Liste der Zutaten. Denn entsetzt las ich in dieser, dass nicht nur der von mir begehrte Glücksstoff Zucker enthalten war, sondern zudem "modifizierte Stärke, Essigsäureeester von Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren, Beta-Carotin, Riboflavin und Aromen" enthielt. Herr im Himmel!, entglitt es meinem von zuckrig verklebten Lippen eingezäumten Mund, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich vom Paradies eine Vorstellung, die vollkommen frei war von modifizierte Stärke, Essigsäureeester von Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren, Beta-Carotin und Riboflavin. Von Aromen ganz zu schweigen!

In meiner Schwärmerei glich das Paradies doch immer einem Mischblut aus Schlaraffenland und Internationaler Grüner Woche samt amtlich bestätigtem Bio-Siegel. Doch dem Aufdruck auf der Tüte nach, muss der Garten Eden der Pendant zum ehemaligen Ostdeutschen Chemiekombinat Bitterfeld sein. Der große Weltenlenker also nichts weiter als ein Diplom-Chemiker?! Enttäuscht leckte ich die letzten verlogenen Reste aus der Schüssel. Gott hatte gar nicht hinein onaniert. Er hatte hinein geschissen.

 

*"Straßenausbaugebühr" wurde von mir nur der Dramatik wegen eingefügt. Gern darf diese - je nach Gemütslage und Anlass - durch jedwede andere willkürlich erhobene Umlage ersetzt werden. Gleichfalls darf "Paradies Creme" durch ähnlich von der Chemieindustrie gepimpte "Lebensmittel" ausgetauscht werden. Und "gepimpt" durch ein gutes Deutsch.

MfG
K.


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