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Brötchen und Spiele

kolumnistenschwein_150Wenn man nach Feierabend beständig Gefahr läuft, seiner schwer pubertierende Tochter in die verschränkten Arme zu laufen, während auf Arbeit der tagtägliche Kampf ums Miteinander wieder einmal streng sozialdarwinistische Züge annahm, so hat man im Grunde nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis. Entweder man stellt sich also dem auf Selbsterkundungstrip im Dickicht sich neu verknüpfender Neuronen verlaufenem Nachwuchs, oder man schrubbt Überstunden in der Firma, in welcher stetig wechselnde Allianzen sich regelmäßig am Brandroden eingebildeter Kollegialität zu schaffen machen. Dies ist allerdings mehr Feststellung als Vorwurf. Schließlich, der Autor zündelt auch gerne mal verbal. Schließlich, ich hatte es mit Freundlichkeit versucht: es waren die erfolglosesten Jahre meines Lebens.

Da ich nun aber davon ausgehe, dass es noch weit mehr pubertierende Töchter in Deutschland gibt als Brotsorten, und dazu, dass es in allen von Menschen geführten Firmen allzu menschlich, also moralisch bescheiden zugeht, widme ich mich lieber den Themen, die subjektiv betrachtet das Zeug dazu haben, irgendwo einen "Ach, wie interessant!"-Button aufzuweisen, alldieweil schon deshalb, weil es leider zu oft übersehene Momentaufnahmen sind.

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Da wäre zum einen die Stellenanzeige, welche ich kürzlich las. In dieser wurde ein Spüler gesucht. Wie stelle ich mir die Arbeitsbedingungen eines Spülers wohl vor? Ja wie wohl! Eine von Dunst und Wärme erfüllte winzige Räumlichkeit, in deren fettverschmierten Fliesen sich das schwache Licht einer nackten 40-Watt-Glühbirne verliert. Und im hinteren Bereich, also dem Bereich, der nur eine Armlänge vom Eingang entfernt liegt, steht ein fleischloser Mann mit negriden Gesichtszügen in einstmals weißem Feinripphemd, die Arme bis zum Ellbogen in bräunlichem, mit ölig glänzenden Flecken versehenen Wasser, und versucht mit einem 33 Jahre altem Topfkratzer eingebrannte Brokkoli-Käse-Auflauf-Reste von einem monströsen Topfboden zu scheuern.

Der Mann schwitzt dabei auf Stirn und Schultern wie Boris Jelzin beim Saufen und Saunieren und kratzt und kratzt und kratzt, doch der Topfboden bleibt krustig und holperig wie der Sohlenbereich über einen ganzen Sommer hinweg getragener Arbeitssocken. Dies liegt aber nicht daran, dass der Spüler nicht überaus fleißig und konzentriert seiner schweren wie auch nützlichen Arbeit nachgeht, sondern daran, dass sein Arbeitgeber so unsäglich geizig ist und ihn mit einem 33 Jahre alten stumpfen Topfkratzer arbeiten lässt! (Dies ist übrigens die Stelle im Text, wo es jeden hochrangigen Gewerkschaftsfunktionär vom Barsitz der Table-Dance-Bar reißen sollte!) Feuchter nach Bratfett riechender Nebel steht hüfthoch und das einzige Fenster des Raumes ist hoch geschlossen und mit Zeitungen aus dem Jahr 1979 beklebt. So stelle ich mir die Arbeitsbedingungen eines Spülers vor.

Wieso aber wird in jener Stellenanzeige verlangt, der Bewerber auf dieses unsägliche Angebot müsse unbedingt ein Lichtbild beifügen? Ich habe auch schon dann und wann "auswärts" gegessen, doch noch nie spürte ich das unbändige Verlangen, den Restaurant-Chef darum zu bitten, einen Blick in die Spülküche werfen zu dürfen, um mich vom ordnungsgemäßen Aussehen der bestimmt nicht fürstlich entlohnten Hilfskräfte zu überzeugen. Ich wüsste ja nicht einmal, welche Gesichtsform der Spüler haben müsste, um am Vorzüglichsten mit Rindssteak mit gedünsteten Bohnen und Röstkartoffeln eine kulinarische Einheit zu bilden! Und zudem bin ich mir ziemlich sicher, dass, selbst wenn der Spüler schielen würde, dieses weniger Einfluss auf die Qualität des Steaks hätte, als wenn beispielsweise der Koch ohne Zunge geboren wäre. Ich denke, der Spüler darf ruhig hässlich wie die Nacht sein. Nur die Bedienung darf es nicht. Ein Tipp an den Geschäftsführer, der seine Sekretärin jene rätselhafte Stellenanzeige tippen ließ: das Auge isst mit. Aber es spült nicht mit.

Zum anderen wäre da der Umstand, dass ich beim Brötchenkauf beim Discounter nie die Tüte, welche wohl aus so einer Art dünner Plastikfolie besteht, vor unter einer Minute auseinander bekomme. Bei knapp 7 Milliarden Menschen weltweit, da kommt doch bestimmt ein ganzer Batzen an Zeit zusammen. Und in der heutigen Zeit, wo uns dieses stets nur in unzureichender Menge zur Verfügung steht, wäre es da nicht ratsam, alle Plastiktüten zum Teufel zu schicken und nur noch Tüten aus Papier am Brötchenstand auszulegen? Ruckizucki wäre die Tüte auf und die Semmeln drin und die gesparte Zeit packen wir auf ein Zeitsparkonto und finanzieren mit den Zinsen süßen Müßiggang.

Wer ebenso meint, dass die Welt eben doch noch mehr zu bieten hat, als pubertierende Töchter und Boxringen gleichenden Fabrikhallen, der darf nun bei beiden benannten Themen den "Ach, wie interessant!"-Button drücken.


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  21.05.2012 The Intelligence

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