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Die Brust: Beifall aus Fleisch

kolumnistenschwein_150Ich frage mich, warum, wenn über ein x-beliebiges Musikfestival berichtetet wird, auf den beigefügten Bildern nur stets und ständig abwegig kostümierte Menschen mit Bierbüchse in der Hand, aber nie ernsthaft lauschende und ernsthaft gekleidete Festivalbesucher gezeigt werden, welche allein des akustischen Genusses wegen weite Wege auf sich nahmen. Nein, statt in unaufdringlichem Weitwinkel Selterwasser trinkende Musikfreunde zu porträtieren, welche aufmerksam und ohne erkenntliche Regung dem musikalischen Tun auf der Bühne folgen, zeigt man dem in punkto Festivaltreiben ausnahmslos unbeleckten Zuschauer immer und immer wieder die gleichen Bilder von mehr oder weniger ausführlich gewaschenen jungen Leuten mit Wikinger-Helm auf dem Kopf, oder in Gänze in einem Kuhkostüm steckend, welche überdies sehr, sehr selten einen nüchternen Eindruck beim Zuschauer hinterlassen. Auch werden gern Damen abgelichtet, die, sobald sie der Linse gewahr werden, auf sonnenverbrannten Schultern sitzend ihr Shirt blitzartig heben, um der nach Kulturinformationen lechzenden Welt ihre Brüste zu präsentieren.

Ich war auch schon auf dem einen oder anderen Festival zugegen. Und ich kann deshalb behaupten, dass dort weit weniger weibliche Weichteile Freiluft schnuppern durften, als die Medien einem weismachen wollen. Nicht überm Durchschnitt liegt die Rate dort gezeigter Brüste. Prozentual hoben die Evastöchter auf dem Festivalgelände nicht mehr ihr Shirt, als die Passantinnen beim Einkaufsbummel auf dem Kurfürstendamm. Wikingerhelme und Kuhkostüme waren auch nur in verschwindend geringer Anzahl auszumachen.

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Es muss wohl so eine Art 7.Sinn sein, der Presse-Fotografen fortwährend auf die dunklen Wege führt, welche von Busen, Kuhkostümen und nackten Hintern gesäumt sind. Wenn ich selbst doch einmal solches sah, so betrachtete ich dies stets als die Ausnahme von der Regel, doch nie kam mir in den Sinn, diese Ausnahmen fototechnisch festzuhalten und daheim als Standard auszurufen.

Viel mehr sah ich aber auch Besucher, die, ganz ohne Kostümierung und Bier, sich ganz der Musik hingaben und nach jedem Liede anerkennend mit dem Kopf nickten und sparsam applaudierten. Auch sah ich Frauen an deren Seite die ebenso wenig in spleenige Ekstase verfielen, sondern zwischen den Liedern sich und ihrem Begleiter stilles Wasser nachschenkten und sporadisch an einer dünnen Zigarette zogen. Auch hoben sie den Saum ihrer Baumwollshirts nicht. Solcherart adrette Musikfreunde lassen sich nun aber nicht besonders gut vermarkten. Denn der Zuhausgebliebene will ja der Normalität Entrücktes sehen, nur um beim Blättern in der BILD sagen zu können: Ha Hilde, guck mal die Bekloppten: so muss Deutschland ja vor die Hunde gehen und alles mit unsere Steuergelder!

Überhaupt scheint mir das Zeigen von äußerlichen Geschlechtsmerkmalen eine denkbar ungeeignete Form zu sein, seine Begeisterung zu manifestieren. Bei uns im Städtchen gibt es einen vorzüglichen Döner-Zubereiter. Das Brot frisch, das Fleisch ebenso und kross und auch der Salat: nah dran am Prädikat vorzüglich. Doch niemals käme ich auf die Idee - während die extrascharfe Soße mir vom Kinn tropft, - Ali meine Genitalien zu zeigen. Der würde sich schön bedanken.

Eventuell ist ja solch Verhalten auch nur auf gewisse Musikarten beschränkt. Jedenfalls bemerkte ich noch nie, wenn auf 3Sat mal wieder eine Opern-Gala übertragen wurde, dass die Gattin von Oberstudienrat Soundso, bei einem besonders gelungenen 1.Akt der Oper Don Giovanni, ihre schweren Brüste in heftigem Freudentaumel aus dem Dekollete riss und über das von Mutter geerbte kostbare Geschmeide hing. Auch trug ihr Gemahl keinen Wikinger-Helm. Von einem Kuhkostüm ganz zu schweigen. Überlegt und sittsam nahmen sie den Kunstgenuss hin.

Zudem glaube ich, dass auch Ort und Zeit Anteil am Überschaum haben. Auf Musikveranstaltungen, die Abertausende Individuen über Tage hinweg vereinnahmen, macht es ja durchaus Sinn, aus der Masse durch die Herausstreichung der Persönlichkeit hervorzustechen. Der Mensch braucht Aufmerksamkeit, welche sich nun aber nur auf jenem häuft, der optisch danach schreit. Dort wo Dezibel alles und jeden gleicht macht, ist man als Farbklecks König auf dem Gelände.

Wenn ich hingegen beschließe, heute Nachmittag mit meiner Gattin im Weimarer Ilm-Park spazieren zu gehen - ich im Kuhkostüm und sie oben ohne - so würde wohl genau jene angehäufte Aufmerksamkeit nun dafür sorgen, morgen früh im Kreise psychiatrisch Fachkundiger aufzuwachen. Ich werde berichten.


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  21.05.2012 The Intelligence

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