Die Hosen runter für eine bessere Welt!
Ich wäre gern gedankenlos. Also nur zu einer Bewerkstelligung des Lebens befähigt, die ganz allein im Stammhirn fußt. Gut kann ich mir vorstellen, mit heraushängender Zunge über den ganzen Tag hinweg mit aus verschwitztem Muskelshirt schwellenden nackten Armen auf dem Wohnstubenfensterbrett zu lehnen und mit trübem Blick in die anliegende Strasse zu glotzen. Hintenrum hätte ich nicht mal eine Hose an, was mich aber nicht im Geringsten stören würde, denn ich wäre ja brettnagelblöd. Und in der Tiefe meiner Behausung liefe rund um die Uhr RTL II und aus den Winkeln meines Mundes Speichel und mit dem kaum nennenswerten Verkehr zwischen den Neuronen meines im Ruhestand befindlichen Hirns wäre ich ein zutiefst glücklicher Mensch. Dann und wann würde ich einen großen Schluck Plastikflaschenbier zu mir nehmen und viertelstündlich einen fahren lassen, ohne jegliche Gedanken an die Unversehrtheit der Innenseite meiner Hose, denn ich hätte ja auch zudem gar keine an.
Doch irgendwie bin ich von Natur aus benachteiligt und es gelingt mir einfach nicht, den Fluss meiner besorgten Gedanken zum versiegen zu bringen. Jedoch ist Denken ungemein mühsam und das Leben giftgrün färbend. Und mit Vergnügen hätte ich statt "giftgrün färbend" "gällend" geschrieben, doch mein Rechtschreibprogramm warf mir wieder einmal Knüppel in meinen von Kolumnen gesäumten Weg. Dabei bin ich mir so was von sicher, dass es das Wort "gällend" einfach geben muss. Kein Text dieser Welt sollte geschrieben sein, ohne wenigstens einmal "gällend" als kräftiges Attribut aufzuweisen!
Die aserbaidschanische Stadt Sumgait hingegen bringt es auf sage und schreibe 4.710.000 Treffer. Doch rot markiert ist auch "Sumgait" auf meinem Bildschirm, genau wie "gällend", was mir aber bei beidem nur begrenzt Freude bereitet. Denn viel lieber wäre ich rot unterstrichen. So als Zeichen, dass mit mir ebenfalls was nicht stimmt. Denn statt hosenlos und bararmig ("hosenlos" und "baramig" sind auch beides rot gekennzeichnet, was ich wiederum nicht klaglos hinnehmen will, denn die Begriffe "herrenlos" und "barfuss" lässt mein Rechtschreibprogramm ja auch ohne mit der nicht vorhandenen Wimper zuzucken durchgehen!), statt also hosenlos und bararmig aus dem Fenster zu glotzen, sitze ich am Rechner und mache mir Gedanken.
Zum Beispiel darüber, dass es um das Jahr 1800 auf unserem Planeten erst eine Milliarde Menschen gegeben hat. Um 1930 sollen es dann schon zwei Milliarden gewesen sein, 1960 drei Milliarden, und um den 31. Oktober 2011 an die sieben Milliarden. Plus/minus ein paar Tausend. Wer Spaß an Geselligkeit hat, an dem mögen diese Zahlen nicht sonderlich intellektuell rütteln. Und nur ungern blase ich gedankliches Tränengas in den bereits äußerst gut gefüllten Ballsaal der Gastlichkeit, doch will und muss ich daran erinnern, dass so eine große Anzahl an Gästen dann gewiss auch eine ganze Menge weg frisst. Und widerstrebend führe ich zudem noch aus, dass ich neulich einen Experten schreiben sah, und er schrieb, dass das Büfett Erde nur maximal für zwölf Milliarden Erdenbewohner gedeckt sei.
Nun werden in jeder Minute weltweit circa 150 neue Menschen geboren. Das macht auf den Tag hochgerechnet ungefähr 216.000, aufs Jahr 79.000.000. Und selbst wenn man den Börsenbastarden das Zocken mit Lebensmitteln verbieten würde, und selbst wenn man den letzten Krümel Erde erfolgreich bewirtschaftet: irgendwann muss das Büffet doch restlos abgefrühstückt sein. Und da kein Mächtiger des momentan gültigen Wirtschaftssystems daran interessiert ist, den Börsianern in die Suppe zu spucken, und wir als mächtige Konsumenten proppensatt nicht übern Tellerrand gucken, darf man davon ausgehen, dass die auf der Speisekarte ausgezeichneten Speisen schon ausgehen, bevor das Lokal überhaupt endgültig schließt. Doch unschön sind doch jene Erinnerungen, welche die bei Betriebsfesten weit vor der Zeit abgeräumten Büffets hinterlassen!
Noch komplexer wird die Angelegenheit allerdings für mich dadurch, dass ich, statt den Dingen ihren unschönen Lauf zu lassen, letztlich Bares spendete, damit in irgendeinem staubigen, unwirtschaftlichen Stück Erde irgendein kleiner hungriger Racker eine klitzekleine Chance zum Überleben bekommt. Ob ich dem Planeten damit hingegen einen Gefallen tue, ist nun eine jener Fragen, die mich gedanklich unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen lassen. Und diese innere Unruhe lässt mich eben, anstelle von sabbernd aus dem Fenster gucken, sonntags früh um 6.00 Uhr solcherart Wortgefüge fabrizieren. Und Hosen habe ich auch dabei an.









