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Korkige Tage

kolumnistenschwein_150Es gab in der letzten Woche wohl nur einen einzigen Tag, an welchem die Temperaturen es erlaubten, den Abend bei Buch und Wein im Freien zu verbringen, und da auch ich zu jenen Menschen gehöre, die einfach alles mitnehmen, nahm ich die Erlaubnis gern und dankbar an. Und wie ich so las und trank - natürlich nur ein einziges Glas der Gesundheit wegen, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass ich stets zum größten aller in meinem Haushalt zu findenden Gläser greife, also zu einem Gefäß in der Größenordnung zwischen Goldfischglas und Eimer - und wie ich also las und trank, da bemerkte ich ein lautes Brummen in Nähe der mein Buch und den in meiner Hand ruhenden Semiweinballon ausleuchtenden Lichtquelle.

Ein Hubschrauber schied als möglicher Born des Geräusches definitiv aus, da Hubschrauberpiloten doch relativ selten bei ihren nächtlichen Dienstflügen durch 60-Watt-Glühbirnen angelockt werden. So jedenfalls meine Vermutung. Und siehe da: ich hatte recht. Denn kein Eurocopter UHT „Tiger" mit nebulösem Kampfauftrag umschwirrte das Glas meiner Außenbeleuchtung, sondern ein ebenso auffälliges Insekt. Und so groß wie das Kerbtier auch bei näherer Betrachtung schien, so groß war auch meine Erleichterung, dass es eben doch kein Kampfhubschrauber war, da Hubschrauber bekanntlich kaum auf Insektenspray und Fliegenklatsche allergisch bzw. mit ihrem Ableben reagieren, was die spätabendliche Abwehr eines Bundeswehrhelikopters zu einer für mich schwer lösbaren Aufgabe machen würde. Zumal ich just in jenem Moment keinen Afghanen mit panzersprengenden Waffen zu Gast hatte. Auch so eine Sache, die man immer zu spät bereut.

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Ich legte das Buch beiseite und betrachtete das Insekt dennoch mit gehörigem Respekt dabei, wie es immer und immer wieder gegen das Glas der Lampe knuffte. Und ich war verdammt froh darüber, dass ich selbst keine große Leuchte - so jedenfalls die Aussage einiger meiner mich kritisierenden Zeitgenossen - bin, denn das Insekt, welches ich indes auf Grund seiner Größe und Gestalt als Hornisse ausmachte, wäre sicherlich durch ein allzu intensives Leuchten meiner im wetterfesten Stuhl sitzenden Körperlichkeit angelockt worden, was ich unvermeidlich mit stirnigem Ausperlen von salzhaltiger Körperflüssigkeiten quittiert hätte, denn auf die Stiche von Insekten reagiere ich zumeist mit dem partiellen, weit über der Norm liegenden Ausstülpen des gestochenen Hautareals, was selbst abends gegen 22 Uhr nicht wirklich schön aussieht.

Ich meine, wenn man schon nicht zu den unbedingt zu Lebzeiten noch zu besuchenden Sehenswürdigkeiten dieses Planeten gehört, braucht es somit auch keinerlei durch das Gemisch von biogenen Aminen, Peptiden und Enzymen des Hornissengiftes hervorgebrachte Betonungen. Ich halte es da mit den teures Schmalz durch billiges Wasser ersetzenden Produzenten sogenannter fettarmer Lebensmittel: ich will so bleiben wie ich bin. Wobei sich „sogenannt" mitnichten auf „fettarm", sondern vielmehr auf „Lebensmittel" bezieht.

So ließ ich also die Hornisse weiterhin unentwegt gegen das Lampenglas bumsen, übte mich in langsamen unauffälligen Bewegungen, welche ich weitgehend dazu nutze, um weiter voluminös dimensionierte Schlucke Wein in meiner Mundhöhle zu verkippen. Alkohol hat ja unter anderem den wohltuenden Effekt, dass es die Wirkung gewisser Neurotransmitter verstärkt. Dies hat unter anderem ein angstlinderndes und beruhigendes Resultat zur Folge. Was selbstverständlich kaum zur Erklärung des Bruches meiner fast vierjährigen Alkoholabstinenz ausreicht. Auch die Begründung, dass Alkohol doch viel leichter als Wasser sei (ein Volumenprozent Wasser wiegt ein Gramm, die gleiche Menge reinen Alkohols aber nur 0,8 Gramm!), und man somit weniger an Trunk nach Hause schleppen muss, kommt blass und hohlwangig wie ein Nachkriegskind daher. Wie dem auch sei: der Wein half, die Hornisse weitgehend aus meiner Realität auszublenden, auch wenn ich weiß, dass es nur tumber Aberglaube ist, dass 7 Hornissenstiche ein Pferd töten können. Eher ist es doch so, dass sieben Pferde durchaus eine Hornisse zu meucheln vermögen.

Und wie ich den Rotwein so über die Zunge hinweg von einer Mundtasche in die andere rollte, flog die Hornisse davon. Und auch ich stelzte dank kunstvoll vergorener Tempranillo-Trauben sehr leichtfüßig zu Bett. Kurz bevor ich einschlief rätselte ich noch, warum Heranwachsende im Jahre 2011 in fast schon epidemisch zu nennenden Ausmaßen pro Schuhpaar unbedingt mit zwei verschiedenfarbigen Schnürsenkeln herum laufen müssen. Doch bevor mir eine Antwort zu fiel, fielen meine Augen zu. Und die Kolumne ist jetzt aus.


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  21.05.2012 The Intelligence

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