Warum ich bei Mark Zuckerberg einzog
Ich gestehe, ich war nicht stark genug. Denn Jahr um Jahr, Monat um Monat und Tag und Tag verweigerte ich mich standhaft Facebook, doch nun - pardauz - hat mich der Zuckerberg am Arsch. Eine nicht unmaßgebliche Mitschuld an meinem persönlichen Versagen was den Eintritt in Soziale Netzwerke betrifft, trägt eine ehemalige Einwohnerin meines bewaldeten Heimatortes auf ihren überaus hübschen Schultern. Denn diese weilt seit vielen Jahren im Moloch Berlin, was nun mit sich bringt, dass man sich im Realen fast gar nicht mehr trifft, weil ja schließlich zwischen der Hauptstadt und meiner Thüringer Kuhbläke* zig Hundert Kilometer liegen; die will man ja nicht jeden Tag nur der sozialen Kontakte wegen ablatschen. Überhaupt hat sich das, was ich früher als meinen engeren Bekanntenkreis ansah, in alle Winde zerstreut. Teils des Geldes wegen, teils der Liebe wegen, teils vielleicht auch weil der oder die ganz einfach Hummeln im Arsch hatten, nur ich, ich blieb zurück wie einer der Jungs, die wegen ihrer Unbeliebtheit im Sportunterricht niemand in der Mannschaft haben wollte.
Nun lässt sich sagen, dass man sehr wohl auch in einem Ort mit einer geschätzten Einwohnerschaft zwischen 0 und 5000 relativ gut leben kann. Hier spricht zudem niemand den Türkisch-deutschen Radebrech, welcher vornehmlich in den Nachmittagshows des Privatfernsehens uns Landpomeranzen als Berliner Mundart verkauft wird. Nein, hier wird sich fließend und weich artikulierend unterhalten, was die Kommunikation anscheinend weit aggressionsloser gestaltet. 1: 0 für die Kloßfresser. Außerdem lässt sich sagen, dass, wenn man in einem Ort wohnt, dessen kulturelles Leben mit dem Gastspiel eines "Kasperletheaters" seinem halbjährlichen Höhepunkt entgegen sieht, man keineswegs so blauäugig ist, um zu glauben, dass jeder Betrunkene, der hier nächtens in die Geranien am Dorfanger reihert, zwangsläufig ein Bukowski-Fan sei. Hier geht es uns gewiss nicht anders als den Berlinern.
Aber vielleicht täusche ich mich ja wirklich. Und vielleicht ist gerade der Korn dreschende und Korn trinkende Bauer von nebenan, welcher zu jeder Kirmes mit seiner Ehefrau zu Wolfgang "Wolle" Petri den Tanzboden wischt, genau jener, der zu Hause auf Latrine Mozart und Chopin hört. Oder vielleicht schreibt gerade der Kollege, der sich bei mir an jedem Freitag Abend schwedische Spezialfilme ausleiht, mit der anderen Hand an DEM Jahrhundertroman! Was sage ich denn! DEM JAHRTAUSENDROMAN!
Und genauso wenig sagt es doch aus, wenn im meinem Heimatort bei einer der letzten missratenen Bundestagswahlen 7,6 % NPD wählten. Vielleicht waren das alles nur Wagner-Fans. Oder sie haben das Kreuz nur aus tiefster Not heraus gemacht. Weil die DVU nicht mit antrat. Aber solange ich mir nur meiner Unsicherheit sicher bin, solange halte ich es mit jenem Philosophen, der einst sabberte: Ich weiß nur, dass ich nichts weiß. Und solange auch trage ich mein Shirt, auf das ich einst mit feinstem Zwirn sticken ließ: Kleinstadtmief ist das Schlimmste aller Nervengase!, nur ganz still und leise, zu Haus, im dunkelsten Kämmerlein. Denn tief in Herz und Hirn weiß ich dank der nachmittäglich ausgestrahlten TV-Talk-Sendungen, dass das Kleinstädtische, an dem der Großstädter so gern herum mäkelt, in den großstädtischen Menschen auch seinen angestammten Platz hat. Nur verstecken sie es halt sehr gut hinter ihren großen Sonnenbrillen und dem Gesaufe überteuerter Lifestyle-Getränke.
Die kleinstädtische Engstirnigkeit in Jedermann hat ihre Ursache aber mitnichten in der eventuell zu geringen Breite des Geburtskanals unserer Mütter, sondern ist ganz allein Ausdruck von mehr oder auch weniger ausgeprägten Denkdefiziten. Idioten sind nämlich, so meine Hypothese, weltweit ziemlich gleichmäßig verteilt. Natürlich kann es hier und da auch schon mal zu Ballungen kommen, was aber weniger mit dem Zufallsprinzip zu erklären ist, sondern vielmehr mit dem Überangebot an gut dotierten Referentenstellen sogenannter Volkspartein. Und wer darüber andere Vermutungen hat, der darf die mir ab sofort bei Facebook an meine Pinnwand schmieren.
*Kuhbläke: In meiner Wohngegend umgangsprachlich für einen leicht übersehbaren Ort, in welchem wenige Tiere und noch weniger Menschen auf Du und Du leben.









