Wie die Tomate versehentlich zur Schlange an meinem Busen wurde
Ich neige dazu, Nahrung zu mir zu nehmen. Dieses bringt zuweilen außerordentlich angenehme Nebenerscheinungen mit sich. Angenehm zum Beispiel ist der Genuss, den man bei der Aufnahme von Nahrung verspürt. Wobei hier selbstverständlich die Art der Zubereitung eine große Rolle spielt. Nehmen wir zur Veranschaulichung schnöden Spinat: frisch aus dem Erdboden gezogen und roh und samt an Wurzel hängender Krume serviert lässt er jedweden Pawlowschen Reflex vor sich hin dusseln. Man guckt blöde aufs Gemüse und zweifelt stark am beruflichen Weiterkommen des in der Ecke des Lokales vor sich hin grinsenden Koches. Speichel Fehlanzeige.
Wird der Spinat hingegen in siedendem Wasser kurz aufgewallt, und dann in einer Schwitze aus gewürfelten Zwiebeln, Butter, Mehl und Milch gedünstet, und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt, so ließe er - aufgetragen mit frisch in gusseiserner Pfanne gerührten Eiern außerhalb von Käfigen lebenden Hühnern - meinen Pawlowschen Reflex Speichel en masse pumpen. Der Anblick allein bereitet mir also schon Sinnenfreude. Und der Kochlöffelschwinger darf auf meine Lobhudelei über Tage und Wochen rechnen.
Zweifelsohne ist Spinat mit Rührei ein ziemlich unspektakuläres Bespiel. Spinat, so heißt es ja, sei ein ziemlich verhasstes Gemüse, insbesondere bei der menschlichen Nachzucht. Ich selbst kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern, ob ich Spinat als Kleinkind mochte, oder auch nicht, und diesen somit eventuell in den Ausschnitt der Bluse meiner manchmal überforderten Mutter erbrach. Jedenfalls stehe bzw. sitze ich als Erwachsener Gemüse aller Art stets recht aufgeschlossen gegenüber und verputze mehr als nur selten große Schüsseln voll mit Grünfutter.
Insbesondere selbstbereitete Rohkostsalate haben es mir angetan. Und Tomatensalat ist ja schneller zubereitet als jeder Pizzabote liefern kann. Wenn man jetzt mal von der Zeit fürs Wachsen absieht. Also die von den Tomaten, nicht die vom Pizzaboten. Wobei die Tomaten dann immer noch auf der Gewinnerseite ständen. Aber dies nur der Unterhaltung wegen erwähnt. Schließlich ahnt der Autor, dass Kolumnen mit Thematik Gemüse nicht das Gelbe vom Ei zum Spinat sind. Aber, aber, denkt der Autor weiter, denn laut Definition sind Kolumnen kurze Meinungsbeiträge und somit Ausdruck subjektiv empfundener Zustände, die es aus Gründen der Selbstdarstellung und der technischen Machbarkeit für mich zu benennen gilt. Darauf ein Basta! der Schröderschen Art und flugs zurück zur Tomate.
Wie gesagt: ein Tomatensalat ist schnell zusammengerührt und bereitet mir mit seiner bunten Frische an vielen Tagen der Woche lukullisches Vergnügen. Jedenfalls bis zur letzten Woche. Denn urplötzlich waren die Medien voll mit toten Leuten, und schuld am jämmerlichen Gesundheitszustand dieser Menschen waren angeblich die leckeren Früchte der Nachtschattengewächse. Also nicht die Tomaten an sich, aber ein Erreger namens EHEC, welcher die Tomate als Heimstatt auserkoren haben soll. Und sobald der Erreger umzog - also von der Tomate in den Menschen - kam es zu allerlei Unverträglichkeiten zwischen Erreger und Mensch, in deren Verlauf der Mensch oft den Kürzeren zog. Tod. Nur drei Buchstaben. Kürzer geht es wohl kaum.
Nun habe ich mich mit in meinen fast 47 Lebensjahren doch schon ein klein wenig ans Leben gewöhnt. Fernab aller einstigen von Depressionen erzeugten Todessehnsüchte hatte ich deshalb vor einigen Jahren beschlossen, lebensverlängernde Maßnahmen einzuleiten. Also ein gutes Maß an Sport und halbwegs gesunde Nahrung. Somit gab's für die Tomaten dementsprechend nun erst einmal striktes Hausverbot. Für mich schließt nämlich der freie Wille - von dem ich mir einbilde, diesen, wenn auch nur in homöopathischen Dosen, zu haben - die Art meines Ablebens mit ein. Und lieber breche ich doch mit sauberen Hosen in irgendeiner mit Sportgeräten angefüllten Räumlichkeit zusammen, als mit vollen Hosen daheim im Bett den Löffel abzugeben. Schließlich weiß man ja nie, wohin die Reise führt. Und ob's dort Hakle Feucht gibt, sei als Frage hiermit in den Öffentlichen Raum gestellt.
Doch nun stellt sich plötzlich heraus, nicht das Gemüse soll den Durchfall bringenden Erreger beherbergen, sondern Fleisch stehe nun dringend im Verdacht. Ein Umstand, der mich drängt, diese Kolumne an dieser Stelle abrupt zu beenden. Denn es gilt für mich, schnellstens ein Entschuldigungsschreiben aufzusetzen. Es beginnt mit den Worten:
"Liebe Tomaten, ..."









