Sieg Heil, Frau Doktor!
Ich war beim Zahnarzt. Nicht dass mich in der Mundhöhle heimisch gewordener Schmerz dazu zwang. Da war kein unangenehmes Pulsieren. Auch hatte ich keinerlei "dicke" Backe, welches ja durchweg ordnungsgemäß als ein Anzeichen auf Da-scheint-wohl-was-nicht-in-Ordnung in untere oder oberer Zahnreihe gedeutet wird. Nein, die Gattin war's, die mir hinterhältig einen Termin reinwürgte. Eine Verhaltensweise übrigens, die sich erst nach einigen Ehejahren heraus kristallisierte. Nur weil SIE zum Zahnarzt musste, berief sie sich wohl auf die alte Volksweisheit, dass nur geteiltes Leiden halbes Leiden sei, worauf ICH eine Hälfte der dentalen Dornenkrone mitragen durfte.
Selbstverständlich war ich mal wieder fällig, doch bin ich doch wohl Manns genug, meine Zahnarzttermine ganz allein zu wählen. Und selbstverständlich ganz allein auch wieder zu vergessen. Und selbstredend finde ich es toll, wenn man nach so vielen Ehejahren noch etwas gemeinsam unternimmt. Aber muss es denn verdammt noch mal zu Hölle unbedingt ein Zahnarztbesuch sein?!
Zum Positiven: alle Meldungen der Medien, welche beharrlich darauf bestehen, dass der gesamten Ärzteschaft alsbald die Verarmung droht, kann ich nicht bestätigen. Meine Zahnärztin wies keine erkenntlichen Mangelerscheinungen auf. Ihre Wangen waren rosig, ihr Griff hart, was darauf schließen lässt, dass sie sich nicht von im Preis gesenkten überlagerten Konserven nährt, in denen den Vitaminen ja bekanntlich alsbald die Zähne ausfallen, sondern durchaus beherzt ins Regal mit frischem Obst und Gemüse greift. Auch Protein schien ihr nicht fremd, siehe "harter Griff". Auch war sie nicht in Lumpen gehüllt. Nein ihr Kittel war blütenweiß und selbst die von mir erwarteten Zig Kilogramm schweren Verkrustungen alten Blutes waren nicht einmal Tröpfchen weise vorhanden. Sie strotzte - entgegen dem Gejammer des Ärztekammerpräsidenten - steril auf guter Ernährung basierend vor gediegener Gesundheit.
Selbst ihre Gehilfinnen waren ersichtlich nicht schwindsüchtig und litten auch nicht unter Skorbut: wohlgeformt und lächelnd durchschritten sie ihren mit Schmerzschreien ausstaffierten Arbeitsalltag, woraus sich eine sehr anständige Entlohnung induzieren ließ. Eine trug gar Schmuck, der auf mich nicht den Eindruck machte, als würde man ihn in Überraschungseiern finden. Alles in allem war dieser Praxis Armut so fremd wie kerngesunde Gebisse.
Im Nachhinein bin ich geräumig sanfter gestimmt, denn im großen Ganzen war die Sitzung, obwohl ich ja eigentlich mehr lag, ein Klacks. Ein Loch, von der Größe her kaum der Rede wert, musste gestopft werden. Die Frage der Schwester, ob ich nach einer Spritze verlange, nahm ich ohne jegliche äußerliche Reaktion hin. Auch wenn ich innerlich gern bewusstlos gespritzt worden wäre, denn vor der Behandlung weiß man ja nie, was man hinterher weiß: alles halb so wild. Auch lobte mich die Ärztin, dass alles ja so gut gepflegt sei, so dass sie den Zahnstein vor Glätte kaum abbekomme. Natürlich spürte ich dabei den Hauch Ironie, welcher leicht und mentholfrisch durch ihren Mundschutz dünstete. Doch wenn man mit offenem Mund fast waagerecht auf dem Zahnarztstuhl liegt, vor den Augen einen sirrenden Bohrer, da sollte man es sich mindestens dreimal überlegen, ob man seine Schlagfertigkeit in Bezug auf zahnärztlichen Spott unbedingt unter Beweis stellen muss.
Schlussbemerkung: Auch wenn mein zahnärztlicher fremdbestimmter Termin recht glimpflich für mich ausging, so gilt dennoch nun ab heute in meinem Hause das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Wenn ICH das nächste mal also zum Urologen muss, bringe ich MEINER Gattin gleich einen Termin mit. Ha!









