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Am Ende ist das Wort

kolumnistenschwein_150Ich lese niemals Todesanzeigen. Vielleicht wäre mein Interesse an den gedruckten Pseudo-Glorifizierungen ungleich größer, wenn ich wüsste, einer meiner von mir auf Grund ihres zweifelhaften Charakters gemiedenen Mitbürger hätte den Löffel abgegeben, so dass ich eventuell zwischen zwei Schlucken heißem, morgendlichem Kaffee ein leises "Ha!" hinterdrein schmeißen hätte können. Aber wahrscheinlich nicht einmal dann. Denn sterben, sterben müssen wir doch alle. Ganz gleich ob altruistisch oder obermies: da ist ums Verrecken kein Kraut gegen das Verrecken gewachsen.

Und wenn es sich doch nun eh nicht vermeiden lässt, so ist es doch zweifelsohne zum Leichenhallenfenster heraus geschmissenes Geld, das Offensichtliche nochmals öffentlich zu machen. ‚Doppelgemoppelt' lautet wohl der Fachausdruck dafür, wenn man solch Tätigkeiten verrichtet, wie beispielsweise Speck dick mit Butter zu bestreichen, einen Hund mit Fellimitat zu beziehen, oder auch in Kirschen einen zweiten Kern zu implantieren, also all die Aktivitäten, die im Endergebnis eine unnötige Verdoppelung von Gegebenheiten darstellen. Bekanntlich ist ja Speck von Natur aus fett, Hunde sind von Natur aus fellbezogen und Kirschen haben von Natur aus einen Kern. Außer vielleicht die von Mon Chéri. Abgebrochene Zähne sind nämlich jedes Pralinenherstellers Achillesferse. Klar: kein Süßwarenhersteller kann auf Dauer eine Insolvenz abwenden, wenn seine Kunden beim Naschen mehr Zähne verlieren, als die Besatzung der Fram bei der Polarexpedition in den Jahren 1893-1896 durch Skorbut.

Wenn der Tod also vorausschaubar ist, jedem Menschen demnach schon bei seiner Geburt ein imaginärer Zettel am Zeh hängt - möglicherweise beschriftet mit Sterbedatum oder Todesart; mein Wissen ist auch da sehr lückenhaft, weil ich einmal vollkommen für umsonst an der Türe eines Leichenschauhauses um Einlass bettelte - warum dann also eine Anzeige in die Zeitung setzen, die das sowieso Unausweichliche nochmals auf marktschreierische Art bestätigt? So sollte man die standardmäßige Drohung jungkrimineller Anwohner "Du bist tot!" immerfort mit einem von sanftem Lächeln umsäumtem "Ich weiß!" bestätigen.

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Quod non est in litteris, non est in munde. Was nicht aufgezeichnet ist, ist nicht in der Welt. Quatsch. Meier, Müller oder Schulze sind doch auch verendet, auch wenn es nicht im regionalen Käseblatt posthum herausposaunt wird. Man könnte die zwei Seiten meiner Tageszeitung, die alltäglich durchschnittlich von durchschnittlich Verstorbenen blockiert werden, doch sicherlich mit weit Interessanterem auffüllen. Des Mannes Herz, so wie ich wohl eines in meiner Brust trage, lechzt doch schlussendlich nicht nach schwarzumrandeten Allerweltsnamen, sondern nach Anzeigen für mobile Kommunikationstechnik, preisgesenktes Rasierwasser und schön knapp geschnittene Unterwäsche für Damen! Auch Inserate für chromblitzenden Tand und die Annoncen einsamer Frauen unter 40 lassen so manchen Herren kurzatmig und mit glasigem Blick über Stunden im Mittelteil seiner Zeitung verweilen. Wer aber mit schnellem oder altersbedingt eher langsamen Anlauf erst kürzlich den Styx übersprang, hat für mich als Morgenlektüre doch nur den Unterhaltungswert 3 Jahre alter Börsenkurse.

Von Interesse sollten nur die Toten sein, deren Ableben man auf Seite 1 bewirbt. Kriegstreiber, Lobbyisten, Politiker, Schlagersänger - was man ja zumeist gar nicht mehr so leicht auseinander halten kann - werden gern mal schlagzeilenmäßig verramscht, wenn sie ins breit gesäte Gras des Todes beißen. Auch wenn es doch schon recht perfide scheint, dass man erst, wenn man möglichst viele Menschen auf dem Gewissen hat, mit der auf die Person maßgeschneiderten Todesanzeige von den hinteren Seiten auf die Titelseite vorrücken darf. Wer als Arbeitnehmer seine Frau dann und wann würgt und gelegentlich sein Kind schlägt, der verreckt zwischen Kleinanzeigen für Alleinunterhaltungskünstler und Wohnungssuche auf Seite 24. Wer aber mit Waffen handelt oder gar mit Lebensmitteln an der Börse zockt, und somit eventuell für den Tod von Hunderttausenden mitverantwortlich ist, der stirbt mit Flagge und Bundesverdienstkreuz auf dem Sarg auf Seite 1. Aber wenigstens ist das Arschloch tot.

Der Moment der Aufnahme dieser Informationen entlöcke mir zwar ebenfalls kein hasserfülltes "Ha!", gäbe mir aber den Trost, dass der Tod das wahrscheinlich einzig Gerechte in dieser zu des Menschen Lebzeit doch so überaus parteilichen Welt ist. Schließlich: er holt nicht nur die Opfer. Er holt auch die Täter.

Ich selbst möchte nicht, dass man mir nach meinem Tode auf Seite 24 verlogenen Zucker in den Allerwertesten bläst. Statt Geld für eine Anzeige auszugeben, sollte man das Geld lieber einem Obdachlosen in den speckigen Hut werfen. Herzinfarkt. Schlaganfall. Demenz. Diabetes mellitus. Sich tot saufen klingt nach einer überaus sympathischen Alternative.


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