Ausgestrahlt
Der Kalender zeigt Sonntag den 13.März 2011 und ich sitze um 06.28 Uhr MEZ im heimeligen Thüringen vorm Rechner, während in Japan weit mehr brennt als nur der Baum, und versuche ernsthaft Spaßiges zu einer Kolumne zu formen. Dieser Versuch wird zwar zum Großteil in die Hose gehen, doch gilt auch diesmal - egal wo und wie viele Kernschmelzen zum jetzigen Zeitpunkt auch stattfinden - der Satz: The Show must go on.
Natürlich sind meine Gedanken nun nicht bei den ach so banalen Dingen, die mich über die vergangene Woche hin anstachelten, mich in der sonntäglichen Kolumne verbal vor Amüsement zu bepinkeln. All die kleinen Katalysatoren meiner Aufgeregtheit haben sich durch die Ereignisse im fernen und doch nun so nahen Japan ihrer Aufgeblasenheit entledigt. Was angesichts der Nachrichtenschwemme diesbezüglich des GAU's im Atomkraftwerk Fukushima nun in mir ist sind betäubende Hilflosigkeit, eine Art breit gestreuter Trauer, stille Wut und noch zielloser Zorn, auch über die eigene Unzulänglichkeit, was meine Verschwendung von Energie betrifft. Insbesondere da ich ja im Moment nicht einmal weiß, wie viel atomar erzeugte Energie ich gerade verbrauche, um diese Zeilen mittels Notebook zu imaginärem Papier zu bringen und wenige Stunden später online zu schicken.
Rings um mich herum stapeln sich Geräte, die nur durch elektrische Energie dazu gebracht werden können, ihre mehr oder doch zumeist eben eher weniger nützliche Tätigkeit aufzunehmen. Wozu, so frage ich mich, während der Sprecher auf N-TV eine vermeintliche Kernschmelze verkündet, brauche ich einen digitalen Fotorahmen, wo doch die allerschönsten Bilder und Erinnerungen im Gehirn gespeichert sind, sogar in Farbe! Wozu eine elektrisch betriebene Spielkonsole für den meiner Lende entsprungenen Sprössling, wo ich doch in meiner Kindheit am eigenen Leib erleben durfte, welch Unterhaltungswert in einem Ball oder auch in einem Räuber-und-Gendarm-Spiel stecken. Sogar eine elektrisch betriebene Waschmaschine nenne ich mein eigen, dabei habe ich doch eine Frau, und ein Waschbrett und ein Stück Kernseife kosten nicht die Welt!
Prinzipiell lässt sich so eine Fragestellung leicht beantworten, denn der Mensch neigt nun einmal dazu, seien angeblichen Intellekt unter anderem dadurch zu beweisen, dass er Dinge erfindet, die im Grunde kein Schwein braucht, die sogar, so zeigt die unbarmherzige Zeit, seinem Bestreben nach Fortschritt konträr gegenüber stehen. Der digitale Fotorahmen zum Beispiel. Wir überlassen die Arbeit, die doch seit Anbeginn der Zeit unser Gehirn leisten muss, und lagern unser Langzeitgedächtnis einfach massiv aus. Wir rüsten den Speicher des Bilderrahmens stetig weiter auf und unseren Speicher im Hirn immer weiter ab. Und die Spielkonsolen sorgen dafür, dass unsere Erben immer mehr ihrer Beweglichkeit einbüßen, was aber nun angesichts der aktuellen TV-Bilder auch gar nicht mehr allzu schlimm erscheint, denn wir sitzen nun über alle Generationen hinweg in der selben Scheiße, die eigne körperliche Gewandtheit scheint da ohne jeden weiteren Belang. Ganz gleich, ob du grazil Yoga betreibst oder fett auf dem Sofa lümmelnd Ego-Shooter spielst: wir stecken nun bis zum Halse drin. Und sie ist verdammt dick.
Was ich eigentlich sagen will: ohne Rücksicht auf Folgen schaffen wir Dinge, die, sofern nicht militärisch nutzbar, auf ihre monetäre Renditefähigkeit im zivilen Bereich überprüft werden, und sobald diese als gegeben gilt, ohne Rücksicht auf Umwelt und Zukunft auf den Konsumenten losgelassen werden. Und ich, ich großer Idiot greife zu, ohne jemals darüber nachzudenken, dass all die elektronischen Spielerein nicht nur meine rare Lebenszeit fressen, sondern auch Energie. Doch die liefert man mir ja frei Haus. Und das nächste Atomkraftwerk ist ja weit. Dachte ich mir. Doch Pustekuchen. Denn heute sind wir, so abgedroschen die Phrase auch klingen mag, alle Japaner. Die Welt ist klein und Fukushima um die Ecke. Und ich sitze da, mit meiner betäubenden Hilflosigkeit, einer Art breit gestreuter Trauer, stiller Wut und noch ziellosem Zorn, auch über die eigene Unzulänglichkeit, was meine Verschwendung von Energie betrifft.
Ich glaube es war Schopenhauer, der einmal sagte: "Der Mensch kann, was er will, aber er darf nicht wollen, was er kann." Oder so ähnlich. Und sollte es doch ein Anderer gesagt haben, so ist mir dies heute auch scheißegal. So wie die im Text vorhandenen grammatikalischen und orthografischen Schwachstellen. Wir haben andere Sorgen.









