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Ein Hohelied auf behördlich Ungedachtes!

kolumnistenschwein_150Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung, warum ich mir ein neues Handy kaufte. Ich meine, das alte Gerät war durchaus noch gesund. Hie und da vielleicht ein paar leichte äußerliche Blessuren, die ja aber keinerlei Einfluss auf dessen innere Funktionalität hatten. Ich trage ja auch seit Jahren eine Narbe auf der Stirn, komme dem ungeachtet aber immer noch allein über die Strasse und kann mir auch immer noch allein den Hintern abputzen. Und trotz des Schmisses zwischen linker Augenbraue und dem darüber liegenden Haaransatz hat mich meine Lebensabschnittsgefährtin bis zum heutigen Tage nicht gegen ein neues Modell ausgetauscht. Aber ich eben mein Handy. So konnte ich auch auf die durchaus berechtigte Frage meiner Gattin, warum ich mir denn ein neues Mobiltelefon kaufe, nur mit einem Heben der Schultern antworten. Was ja für einen, der ansonsten rhetorisch nicht unbedingt auf den Mund gefallen ist, schon ganz nah an das Ausstellen eines Armutszeugnisses heran reicht. Und zwar an ein Selbstdiktiertes.

Nichtsdestoweniger lag das neue Kommunikationsgerät wenige Tage nach dem Bestellvorgang in einem kleinen Karton - welcher wiederum in einem großen Karton versteckt war - auf dem Wohnzimmertisch und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und die Dinge waren ich. Und bei Männern wie mir, die nicht nur mit Narben, sondern auch mit reichlich Ungeduld gesegnet sind, bleibt ein geschlossener Karton nicht lang ein geschlossener Karton, sondern ist nur innerhalb weniger, dafür umso kraftvoller Arm- und Handbewegungen, nichts mehr, als ein Haufen papierner Fetzen um des in diesem Fall elektronischen Pudels Kern.

Dezentes Kartonage falten und auf Kante legen war mir schon immer suspekt. Schließlich klafft es ja doch immer wieder auseinander, sperrt sich gegen jegliche Versuche, es papierentsorgungstonnengerecht zu formen. So spiele ich doch lieber als Reißwolf dem universellen Chaos in die Hände, als mich gegen die Natur der Dinge stellen zu wollen. Ich heiße doch nicht Sisyphos. Wer mag, der darf selbstverständlich sein Verpackungsmaterial vorm entsorgen bügeln. In solchen Dingen gilt die schwammige Aussage vom "wir leben ja schließlich in einem freien Land" durchaus.

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Ein großer Nachteil meiner von Gewalt und wenig Zurückhaltung geprägten Entpackungsorgien besteht darin, dass, wenn man die Originalpackung erst einmal konfettinierte, man dann keine Originalpackung mehr zu Händen hat, um das Produkt bei Fehlerhaftigkeit prompt an den Hersteller zurück schicken zu können. Auch wenn in meinen Augen gebrauchte Sonntagstankstellenbrötchentüten oder auch Alufolie leicht selbigen Zweck erfüllen könnten, so stellt sich manch Händler quer und auf die Hinterbeine und verlangt innerhalb der möglichen Rückgabefrist eine hochgradig unbeschädigte Originalverpackung. Was ja irgendwie so unlogisch scheint, wie die mir völlig unbekannte Vorgabe, man möge seine Frau nach der Hochzeitsnacht unbedingt als Jungfrau zurückgeben. In vielen Fällen, so mir gleichfalls unbekannte Statistiken, ist dies ja nicht mal vor der Hochzeitsnacht möglich.

Einen stichhaltigen Grund zur Rückgabe des neuen Telefons hatte ich dagegen recht schnell gefunden. Denn ich war mir mehr als sicher, dass zum beworbenen Handy eine Speicherkarte gigantischen Ausmaßes gehörte. Doch fand ich diese weder im Telefon, noch im Haufen von Papierfetzen, die lauthals um den Wohnzimmertisch herum nach einer patenten polnischen Putzfrau schrieen. Nun lösen sich Speicherkarten ja nicht einfach so dir nichts, mir nichts in Luft auf. Jedenfalls las ich noch nie einen Bericht der Umweltbehörde, in denen vor einer Luftverschmutzung durch eine zu hohe Konzentration von Speicherkarten gewarnt wurde. Auch der Gedanke, demnächst eine Flash-Speicherkarten-Plakette innen auf die Windschutzscheibe zu kleben, um mit dem Fahrzeug in den Bereich von streng reglementierten Umweltzonen zu kommen, bleibt hoffentlich auf ewig behördlich ungedacht.

Nichtsdestotrotz wurde meine Suche nach der Speicherkarte nicht von Erfolg gekrönt, und nur meine bleierne Müdigkeit hielt mich davon ab, noch an selbigen Abend eine gepfefferte Beschwerde gen Versandhandel zu schicken, das Handy als materiellen Anhang. Was mir am nächsten Tage aber als Glücksfall schien, denn beim feierabendlichen Heimgang kam ich beim örtlichen Discounter vorbei und sah in dessen Schaufenster einen Werbeaushang, welcher gleichfalls ein Smartphone feilbot, und zwar mit der von mir erhofften Speicherkarte. Ich hatte im Kaufrauch einfach beide Angebote verwechselt. So behielt ich das Telefon, meine Gattin mich und ich meine Gemahlin. Jungfrau hin und Jungfrau her. Es lebe der technologische Fortschritt!


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  21.05.2012 The Intelligence

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