Was Martin Luther King und ich gemeinsam hatten
In einer der letzten Nächte hatte ich einen Traum, welcher, würde er im Fernsehen laufen, mit dem Warnhinweis "Dieser Traum ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet!" versehen werden müsste. Wer an dieser Textstelle nun allerdings feuchte Hände und überdurchschnittliche Blutansammlungen kurz unterm Nabel bekommt, weil er glaubt, es erhielte nun sexuell gefärbte Sequenzen weitschweifig und detailliert frei Haus geliefert, demjenigen muss ich unverblümt sagen: Schweiß und Blut und können sich beruhigt wieder den wirklich relevanten Aufgaben widmen, deretwegen sie ja im Menschen heimisch geworden sind: nämlich dem Kühlen der Stirn bzw. dem Transport von Zuckermolekülen und Sauerstoff.
Denn weder war der Traum mit Barbusigem gespickt, auch troff er nicht vor Penetrationen. Es war er eine erträumte Abfolge von abstruser Gewalt, kunterbunte Fetzen gewebt aus irrationalen Gedanken, weit entfernt, daraus eine Flagge nähen zu können, die uferlos von der Erklärbarkeit alles Unbewussten kündet. Doch gemach. Der Mensch, also auch ich, neigt nicht dazu, komplette Träume tabellarisch genau wieder geben zu können. Nur einzelne Versatzstücke sind es zumeist, die, wenn man sie wie ein Puzzle zusammensetzt, einen auch nicht unbedingt schlauer aus der zerknitterten Nachtwäsche schauen lassen. Darum hier nur einzelne kurze Zusammenfassungen, wobei weder eine korrekte chronologische Abfolge, noch eine rechtliche Gewährleistung auf Unverfälschtheit von mir mündlich oder gar schriftlich garantiert werden.
Zum einen die Szene, in der ich mit wildfremden Menschen in eine Art Tunnelsystem flüchtete, und zwar vor grimmigen Gestalten, welche mit ihren arg unsymmetrisch geschnittenen Gesichtszügen aus schmalen Zugängen drängten, und wir an einer Stelle des Tunnels ein 3-Personen-Zelt errichteten, was ich überaus interessant fand, da ich ein gleichartiges Zelt im realen Leben meinen Besitz nenne. Nach Errichtung des Zeltes - welches ich im realen Leben allerdings noch nie so schnell wie im Schlafe aufbauen konnte! - brach der Traum jäh ab.
Ein anderer Traumteil gab den Blick auf eine auf mich recht utopisch wirkende Skyline einer mir völlig unbekannten Stadt frei, in dessen Vordergrund ein 3 Meter hoher Piranha am Rücken einer mir ebenfalls völlig unbekannten Person nagte. Doch noch toller trieb es Teil 3 des Traumes mit mir: im Zentrum wahrscheinlich jener in der anderen REM-Phase schon erdachten Stadt schoss ich mit einem Gewehr auf ein über eine Hausfront kletterndes Stofftier, welches schätzungsweise 20 Meter groß sein musste! Was selbst für ausgewachsene Stofftiere der Firma Steiff als recht außergewöhnlicher Bombast gelten dürfte.
Überaus verwirrend, wie ich kurz nach dem Erwachen befand, doch ich schüttelte mich kurz, ließ Traum Traum sein und begab mich ohne jegliche Spätfolgen in das, was man gemeinverständlich den Alltag nennt. Schließlich gehöre ich nicht zu jenen Bürgern, die der Traumdeutung zu Füßen liegen. Auch wenn ich schon die Meinung von vermutlich maßlos überdotierten Schlafforschern teile, welche da sagen, dass im Schlaf und dem darin Geträumten eine Verarbeitung des am Tage erlebten stattfindet.
Doch mit der Verarbeitung hatte ich schon von je her so meine Probleme. In unserem Keller zum Beispiel, da liegen noch etliche Kartuschen Silikon und stehen einige halbvolle Eimer mit Farbe, die ich immer mal wieder verarbeiten wollte. Doch Pustekuchen! Die Farbe ist nun gewiss schon so hart wie das Silikon und das Silikon noch viel härter! Wer damit als Selbständiger handwerkliches Gewerbe ausführen will, der sollte immer ausreichend Kleingeld für den Bus zum nächsten Sozialamt einstecken haben.
Und überhaupt ist das Leben doch schon bitter genug, als dass ich mich mit überlebensgroßen Piranhas und Stofftieren herumschlage, welche zudem nur im Unterbewussten existieren. So bitter wie die englische Orangenmarmelade, welche ich kürzlich bei Rewe erstand, und die in mir die Frage aufwarf, welch seelischen Schmerz ein Land wohl erleiden musste, um solch eine Marmelade zu erfinden. Schmerz erlitt auch ich, als vor mir an der Kasse eine junge Dame in von Kohlehydraten geschaffenem Querformat stand, und ich auf dem unteren Rückteil ihrer Jacke den Aufdruck "Dragon" lesen musste.
Als Drachen bezeichnet man doch nicht nur in meiner unmittelbaren Umgebung mithin Frauen, die man lieber vom Beziehungstechnischen her meiden sollte, da solch eine Beziehung zumeist darin endet, dass der Mann recht wenig zu lachen hat, selbst wenn er im Kabel-TV einen Comedy-Kanal abbonierte. Da ist es dann vom bewusstlos vögeln bis hin zum bewusstlos schlagen nicht viele Ehejahre weit. Das hätte sich der Mann - und hier schließt sich der Kreis - bestimmt nicht mal im Traume gedacht.









