Die Via Dolorosa als Fußgängerzone fürs gemeine Volk
Erst im hohen Alter, also so ungefähr ab 30, beginnt man zu erahnen, aus wie vielen Knochen, Gelenken und Gedärmen der eigene Körper doch besteht. Dieser Zuwachs an Wissen ist aber weder heimlichen nächtlichen Besuchen in der Stadtbibliothek, noch einem nach Feierabend vom Sofa aus erfolgtem Fernstudium geschuldet, sondern ganz allein der Tatsache, dass Knochen, Gelenke und Gedärme ab einem Gebrauchsalter von 30 hie und da zu zwicken und zu zwacken beginnen, zuweilen gar richtig zu schmerzen. Schmerz als Künder des bis dato nur Erahnten.
Ich weiß nun beispielsweise vom Besitz einer Achillessehne. Und zwar einer linken. Auch wenn ich auf der Ultraschallaufnahme, die meine Hausärztin auf Kosten meiner Krankenversicherung von der schmerzenden Sehne machte, keinerlei Sehne erkannte. Es war nur ein verschwommenes Irgendwas zu sehen, genauso gut hätte es auch die Aufnahme eines von Schwangerschaft verbeulten Uterus sein können. Ich kam somit beim betrachten des Bildes nicht umhin, meine Ärztin für eine große Seherin zu halten. Mir allein aber bestätigte nur der permanente Schmerz das Vorhandensein einer Sehne, samt der von der Ärztin auf schulmedizinischer Basis erkannten Entzündung. Ob ich nun allerdings auch eine rechte Achillessehne mein eigen nennen kann, weiß ich nicht so genau, da diese mir noch nie durch Peinigung auffiel. Obwohl ein der linken Marter angepasster Schmerz in der rechten Sehne ästhetischen Ausgleich verspräche, da, wenn man auf beiden Beinen humpelt, dies ja an sich kein Humpeln mehr darstellt, sondern allenfalls ein beim Betrachter leises Schmunzeln auslösendes Schaukeln.
Nun sind Schmerzen ja Signale, die, wenn fachkundig übersetzt, einem lauthals sagen: Junge, da läuft was, und zwar verkehrt. Der leibliche Jammer in einen von schrägem Vergleich geprägten Satz gepackt bedeutet kurz und knapp, dass die schmerzenden Knochen, Gelenke und Gedärme, wären sie Autos, nie und nimmer mehr auf Grund ihrer gravierenden Mängel in den Besitz einer gültigen TÜV-Plakette kämen. Solche Autos werden, wenn nicht auf dem Schrottplatz gepresst und entsorgt, ins ferne Schwarzafrika verschifft, wo man es vielerorts mit TÜV und auch der Demokratie nicht ganz so genau nimmt. Das sind dann halt so Staaten, wo man zwar nicht alles sagen, aber alles fahren darf.
Überhaupt lässt mich der körperliche Verfall denken, der Mensch ist eben nicht gemacht, für das, was er tagtäglich macht. Arbeit, welche mittels Körpereinsatz monoton Jahr für Jahr verrichtet wird, verschleißt punktuell. So sah ich kürzlich einen Bericht über eine Frau auf der Krim, die seit Jahrzehnten beruflich Sektflaschen dreht, auf dass die Hefe darin nicht sesshaft wird. Dass da das Krimsche Handgelenk alsbald einen chronischen Drehrumbum bekommt, ist auch ohne jegliches Medizinstudium vorherzusehen. Maschinen dagegen, die sind für körperliche Arbeit gemacht. Dies erkennt man ja schon an ihrer doch recht robusten Ausführung. So kann ich mit äußerst steifem Beharren darauf verweisen, dass beispielsweise die 64 Tonnen schwere Servo-Presse der Firma Schuler niemals Probleme mit ihren Achillessehnen bekommen wird. Niemals!
Hätte ich hingegen meine Jugend mit Discofox durchtanzt, ja dann hätte ich es ohne jegliches Murren und Knurren eingesehen, dass meine Kniescheiben nun vielleicht abgenutzt und dünn wie Pergamentpapier wären und meine Achillesferse abgewetzt wie der Handballen eines Fernfahrers, der aus krankhafter Neigung heraus über Jahre im Minutentakt auf die Hupe drückt. Doch tanzte ich nie. Nicht mal nüchtern.
Und kaum gibt die Achillesferse Ruh, nistet sich ein Virus in der Nasenhöhle ein und vermehrt sich, als hätte die Regierung der Demokratischen Republik Virustans eine Erhöhung des Kindergeldes in Aussicht gestellt. Es pocht und klopft in sämtlichen Nasennebenhöhlen. Und was nun aus der Nase tropft, ist auch nicht unbedingt, was Liebe auf den ersten Blick erwirkt. Außer vielleicht bei den Schleimaalen.









