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Tief aus den Furchen einer zaghaft blühenden Landschaft

kolumnistenschwein_150Ich sage, wir Deutschen haben verdammt großes Glück gehabt. Schließlich hätte man uns auch mit Saudi-Arabien vereinigen können. Oder mit Nordkorea. Und dann hieße es für uns an jedem 3. Oktober - statt Bratwurst und Bier vom Fass bis zum Erbrechen - Paraden laufen bis die Ferse glüht. Und dazu müssten wir uns ellenlange brachiale Reden von erzkommunistischen Politfunktionären anhören, dagegen sind Christian Wulffs verbale Ergüsse gewiss anmutig und schön wie Walfischgesänge.

Aber mal im Vertrauen: Saudi-Arabien hätte schon einen gewissen Reiz gehabt, denn in diesem sandburgträchtigen Land werden lange Finger samt Hände traditionell per Amputation gekürzt, so dass, wäre solcherart Bestrafung auch in Deutschland Standard, wir Banker und Lobbyisten vor allem daran erkennen sollten, dass diese in überteuerten italienischen Restaurants ihre Ravioli und ihren Chianti nur unter Mithilfe ihrer Füße einnehmen könnten. Diese Gedankenkette trug ich zwar schon einmal in einem älteren Text zur Schau, doch meine ich, dass das, was einen als Bild im Kopf zufrieden wie satte Katzen schnurren lässt, ruhig mal öfters aus der Schatulle der literarischen Zierelemente gekramt werden darf.

Nach diesem doch recht kruden Einstieg, möchte ich betonen, dass diese Kolumne nicht von mir dazu genutzt wird, die Situation vor und nach der Deutschen Wiedervereinigung zu verklären. Ich schwöre! Dies kann und will ich nicht, überlasse solches Tun gern der allwissenden Journallaie, denn alles war und ist zu komplex, zudem sind Subjektivität und Objektivität zwei total verschiedene Schuhe, und wer sie doch zusammen trägt, der schlägt alsbald mittenmang zwischen den Fronten auf. Und ja ich bin in der DDR aufgewachsen und meine Kindheit war, was den Namen Kindheit tatsächlich verdiente: bunt und voller Erlebnisse, die noch heute in meinem Gedächtnis einen etwas erhöhten Ehrenplatz haben. Und zwar gleich neben der Schatulle mit den literarischen Zierelementen.

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Auch meine Jugend - also der Zeitraum, in dem man von den geerbten Genen grenzübergreifend stetig dazu gezwungen wird, revolutionär zu denken und zu handeln - war aufregend und prägend. Wie in jedem anderen Land der Erde war es das Gemisch aus erster Liebe, Pickeln und allgemeinem Aufbegehren, was der Pubertät einen unbezahlbaren Wert gab, der fernab aller politischen und wirtschaftlichen Systeme auch heute noch weltweit gültig ist. Ein Wert, der mich bis zur Wende trug und für all die kleinen und größeren Wunden wie zum Beispiel dem mir wegen Nichteintritts in die Partei verweigerten Studium Balsam war.

Es war wie es war, dem einen besser, dem anderen schlechter ergangen, gerecht oder auch ungerecht, bisweilen leider im Nachhinein nur noch dadurch bezeichnet, welchen Schuh man sich überstreift. Mich selbst interessiert nicht einmal mehr die Stasi-Akte - die es angeblich in Erfurt laut Gauck-Behörde über mich gab - weil ich meinen Blick lieber vorwärts als rückwärts lenke, denn nur der Stein der vor mir liegt, kann mich stolpern lassen. Die blutigen Knie der Jugend sind längst verschorft und verheilt.

Und so schreibe ich heute, am 20. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung: es ging mir davor, und es geht mir danach gut. Was die Ursachen für dieses jenseitige wie diesseitige aufs politische System bezogene persönliche Urteil auch sein mögen: ich überlasse es den Statistikern und subjektiven Geschichtsverklärern, die Gründe dafür zu suchen. Ich halt es halt mit dem alten Goethe, der meinte, dass niemand mehr Sklave sei, als er sich für frei hält, ohne es zu sein. Glückwunsch, Deutschland. Und wer's zum kotzen findet, so sollte es doch Gott sei Dank nur in zuviel Bier und Bratwurst begründet sein.

 


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  21.05.2012 The Intelligence

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