Warum das ipad pädagogisch gesehen ein tiefer Griff in die Kloschüssel ist
Bevor ich mich anschicke, gleich eimerweise Hohn und Häme über die Entwickler und die Besitzer eines ipads auszuschütten, möchte ich flugs etliche Schritte zurück in meine Kindheit eilen, um dieses Ausschütten von Spott und spitzzüngig formulierten Bösartigkeiten mit einem massiven moralischen Fundament auszustatten. Also quasi einen Teil der Erfahrungen meines Lebens an den Füßen mit Beton umgießen, den Baustoff aushärten lassen, um diese oft von der Mafia auf ihre Tauglichkeit getestete Verbindung danach im unendlich tiefen See der allgemeinen Unwissenheit zu versenken.
Es ist nämlich so, dass ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend im Zustande eines nicht näher zu beschreibenden Glücksgefühl verbrachte. Und als Grund für diese fast frei von allen Kritikpunkten scheinenden Zeit möchte ich vor allem die damalige Abwesenheit aller elektronischen Zeitfresser benennen. So ist es nachträglich für mich ein großer Glücksfall gewesen, dass der technische Fortschritt in den 70ern des vergangenen Jahrtausends sich nur in solch Dingen wie elektrische Brotschneidemaschine und gleichsam betriebenen Rasierapparaten manifestierte. Jedenfalls fällt mir, egal wie sehr ich mich auch anstrenge, kaum mehr ein elektrischer Gebrauchsgegenstand ein, der ansonsten die damalige Zeit meiner Kindheit so sehr prägte.
Nur das Sägen der Brotschneidemaschine meiner Mutter und das Reißen des Rasierapparates meines Vaters sind Geräusche, die mich in müden Gedanken auch heute noch an den Tagen der Melancholie in den Schlaf geleiten. Auch Vater schnitt manchmal das Brot, nur nutzte Mutter nie den Rasierapparat, was daran liegen mochte, dass in jener Zeit alle Frauen noch Muff* trugen. Nur die Türklingel war, so weiß ich, auch elektrisch betrieben, da ich einmal als Kind im Dunkeln zur Klingel griff, diese aber aus mir unbekanntem Grunde abmontiert war und ich nur blanke Drähte in die Finger bekam, was an meinen Händen so ein intensives Kribbeln verursachte, wie ich es erst viel, viel später beim heimlichen Angucken der Unterwäschekataloge meiner Mutter wieder bekam, aber - hier nickt ein Großteil der Leser in Anbetracht eigener Erfahrungen gewiss bedächtig mit dem Kopf - natürlich in einer ganz anderen Körperregion.
Die Zeit zwischen Aufstehen und zu Bett gehen füllten wir mit Schulbesuch und Federballspiel. Wir hatten wahre Federballschlachten! Wir waren ein Strassenzug voller Boris Becker und Steffi Grafs. Nur dass die Jungs kaum Sprachfehler und die Mädels zumeist kleine Nasen hatten. Wir spielten bis wir körperlich so ermatten waren, dass wir FREIWILLIG zu Bett gingen. Ein Umstand, der mir heute bei den Kindern in meiner eigenen Familie und den Kindern in den Familien meiner Bekannten und Kollegen völlig unbekannt scheint. Da wird kein Sport getrieben: da wird gechattet und gemailt, gezockt und gesimst, da wird vorm Fernseher gehockt bis auch der allerletzte Bundesbürger von Dieter Bohlen verbal gesteinigt wurde und Vater in pädagogischer Notwehr gezwungen ist, alle Stecker zu ziehen. Erst dann zieht Ruh im Haus ein und die einzige mediale Präsenz ist das Flackern des Fernsehapparates im Wohnzimmer des Hauses von gegenüber.
Doch nun kam der Steven Jobs - und hier schließt sich der scharfkantige Kreis! - und bringt ein transportables Medium auf den Markt, welches eine Laufzeit von circa 10 Stunden hat, damit auch noch die Stunden, die mein Kind - dank erzieherisch wertvollen Steckerziehens meinerseits - gezwungen war, offline zu leben, von Youtube, SchülerVZ und Twitter zugemüllt werden können. Hätte Steven Jobs mal lieber das Federballspiel neu erfunden. Da würden unsere Kindern sich am Tage bis an den Rand der Bewusstlosigkeit träge spielen, nachts besser schlafen und dadurch in der Schule bessere Noten erringen. Dann müsste sogar der Sarrazin arbeiten gehen, weil auf Grund fehlender Bildungslücken niemand seine Bücher kauft. Und das mit dem Hohn und der Häme überlege ich mir noch mal. Denn im Grunde scheint mir das wirklich einzig Schlechte am ipad, dass ich keines besitze.
*In meiner Kindheit bzw. Jugend wurde die weibliche Schambehaarung als Muff bezeichnet. In Zeiten von Totalrasur geht so ein ästhetisch klingender Begriff natürlich den Bach unseres Wortschatzes herunter. Muff: als Wort das Federballspiel der Deutschen Sprache.









