Was Niedrig und Kuhnt nie ermitteln
Gern halte ich mich in Gegenden auf, deren einziger Schmuck eine gewaltige Leere ist, und von deren im Dunkel liegenden Säumen nichts widerhallt, als Stille, Stille und nochmals Stille. Dies ist wahrscheinlich auch der maßgebliche Grund dafür, dass ich einen Großteil des Tages tief in mich zurückgezogen verbringe. So jedenfalls der Vorwurf meiner Gattin, die mich mehr als einmal dringlichst ermahnte, ich möge meine Aufmerksamkeit doch bitte auch - und dazu möglichst gleichmäßig - auf die äußere Dinge des Lebens werfen, als nur, in Gedanken versunken, die Wohnzimmerdecke, den Himmel oder - was sie als besonders infam empfindet - lustvoll wachen Zustandes die Innenseiten meiner Lider anzustarren.
Doch hier irrt die Lebensabschnittsgefährtin gewaltig, denn in Wahrheit ist es in mir überhaupt nicht wohnlich oder gar gemütlich. Da liegen weder dicke Teppiche, noch schwere, mit Goldschnitt verzierte, sanft nach Umblättern und Zeittotschlagen bettelnde Folianten aus. Und von Stille einmal ganz und gar zu schweigen. Und hierbei meine ich nicht das dann und wann von gasenden Lebensmitteln verursachte Rumoren im Bauche, sondern das von Stumpfsinn und Ignoranz heraufbeschworene Rumpeln und Ächzen im geistigen Gebälk. Denn beständig muss ich mir, wenn ich unser Tun und Handeln betrachte, nicht nur von außen mit der flachen Hand an die Stirn schlagen, nein, auch innen gibt es gewaltige Schläge, sobald ich den gesellschaftlichen Anspruch und den Ist-Zustand miteinander vergleiche. Doch es sind nicht die Hirnlappen, die angesichts meiner auch selbstkritischen Gedanken Beifall schlagen. Es sind wohl eher die auditiven Schatten der Detonationen, wenn sich in irgendeiner Ecke meines Hirnes wieder einmal eine nicht gering zu nennende Anzahl grauer Zellen angesichts der nicht zueinander passen wollenden Sinneseindrücke selbstmörderisch in die Luft sprengen. Dies ist selbstverständlich reine Hypothese. Einen Hirnforscher nennt meine Nachbarschaft nämlich leider nicht ihr eigen.
Es sind zum Beispiel folgende Beschaffenheiten, die mein Inneres gewiss schon bald gesamtheitlich kollabieren lassen. Stichwort Fernsehen. Da wird auf fast allen Sendern nachrichtentechnisch verbreitet, dass unsere Gesellschaft Gefahr läuft zu verblöden, doch statt diese Meldung zu einem Weckruf werden zu lassen, worauf nicht nur Öffentlich-Rechtliche wieder ihrem Bildungsauftrag gerecht werden, gießt man lieber noch Öl ins Feuer, soll heißen, man dreht die Niveauschraube, anstelle von in Richtung Wissen und Kultur, nochmals ins Zielgebiet flachster Unterhaltung, wohlwissend, dass der Mensch, sofern er die Wahl hat, stets zu Leichtverdaulichem greift. Die Einschaltquote als Corpus delicti immer zur Hand.
Klar. Sowie der Körper, wenn er die Wahl hat, lieber zu Fettem, Salzigem und Süßem greift, und alle Lebensmittel, die mit diesen Attributen nicht dienen können, in die Bio-Tonne schmeißt, so zappt er eben lieber zu Trivialem, also zu den Stoffen, die das Hirn nicht zu dem zwingen, zu dem es eigentlich geschaffen wurde: dem Denken. Und hier schließt sich der unrunde Kreis. Denn schließlich ist das Gehirn das Organ, welches am meisten Energie verbraucht. Was ja an sich eine recht gute Begründung scheint, um sich maßlos mit Fett, Salz und Zucker zu mästen. Doch Pustekuchen. Die Energie wird nicht im Gehirn verbraten, da dieses ja mittels "Sturm der Liebe" und "X-Faktor" zum Nichtstun verurteilt wurde, sondern sammelt sich in den volkstümlich "Schwimmringen" und "Reiterhosen" genannten von Schmalz geformten Körperstellen. Die Trägheit des Geistes wird als Auswuchtung sichtbar gemacht. Auch dieses ist selbstredend mutmaßlich, denn neben Hirnforschern mangelt es meiner Wohngegend auch an Ernährungswissenschaftlern.
Und dennoch bleibe ich dabei: es ist mir rätselhaft, warum auf allen Kanälen rund um die Uhr Kochshows laufen, wenn der Zuschauer vor geistiger Unterforderung nicht mehr in der Lage ist, die Kräuter und Essenzen, die Lafer, Lichter und die C-Promis, die sich nicht erst beim "Perfekten Dinner" zum Idioten machen, zum Kochen verwenden, dank Lese- und Schreibschwäche nicht mehr auf der Einkaufsliste festhalten können. Da kann man auf dem Einkaufzettel nicht von in feinster Schreibschrift notierten Kardamom und Angostura lesen, da steht nur noch ein mit Tintenkiller hingeschmissenes und an Keilschrift erinnerndes MAGGI.
Dies alles zu einem Aufsatz zu verarbeiten ist freilich herausgeschmissene Zeit, wo es doch dem Zeichner der Werner-Comics gelang, meine Auslassungen auf einen Vierzeiler zu komprimieren.
Wir trampeln durchs Getreide
wir trampeln durch die Saat
Hurra! wir verblöden
für uns bezahlt der Staat.
Ich weiß: So ist es und so wird es immer bleiben, nichts wird uns aufhalten beim Marsch zurück in die geistigen Niederungen, die unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren höchst voreilig verlassen haben. Der Rückwärtsgang ist eingelegt und nichts macht mich momentan an eine Besserung glauben. Eher trifft mich doch - so dürften hinterher Niedrig und Kuhnt unwiderlegbar und scharfsinnig ermitteln - der Blitz beim Scheißen.









