top_abstand_2
top_abstand_1000x4

Cold Turkey (2)

kolumnistenschwein_150Der Türke an sich ist ein feiner Mensch. Auch wenn dieser Eindruck am Rande des anliegenden Mittelmeeres, wo sich Russen, Engländer und Deutsche der Erholung wegen am Strande stapeln, sehr oft verwaschen wird. Dieses aber liegt nicht allein im Türken begründet, sondern vor allem auch im Pauschaltouristen, der nicht nur eine gesunde Gesichtsfarbe, sondern zumeist auch noch einen proppevollen, mit dem Wort "Schnäppchen" bestickten Seesack mit nach Hause nehmen möchte. Und gefüllt ist dieser Seesack dann zumeist mit Textilien und Waren, die, wie ein ansässiger Händler meiner Lebensabschnittsgefährtin zurief, alle "original gefälscht" seien.

Und da an den von Urlaubern belagerten Küsten sich fast noch mehr Läden als eben Touristen drängeln, ist der dort beschäftigte Türke einem immensen Verkaufsdruck ausgeliefert, so dass er sich eben nicht darum kümmern kann, was ihm seine Kultur in das von osmanischer Lebensart geprägte Stammbuch schrieb, sondern stetig nur darum, den potentiellen Kunden anzulocken. Und so etwas macht auf Dauer - man schaue nur einmal in die Gesichter der Vorwerk-Vertreter - jeden Charakter brüchig und mürbe.

Selbstverständlich steht es jedem Menschen frei, was er aus dem Erholungslande seiner Wahl mit in die Heimat nehmen möchte. Ich selbst lange, statt bei Shirts und anatolischen, in China hergestellten Souvenirs, dann lieber doch bei einprägsamen Erinnerungen zu. Die halten ja auch durchweg viel länger. So entlockt es mir sicherlich noch auf viele Jahre ein auf Uneingeweihte debil wirkendes Grinsen, dass einer jener Verkäufer, dessen Schaufenster vor Lederjacken fast barsten, schallend und unentwegt "LEDERJACKEN!" in die Tiefe der Touristenströme rief. Was, so sinnierte ich in den gefühlten 60 Grad Celsius Außentemperatur, hatte er wohl erwartet, was ich denn in seinem Laden, nach einem Blick in seine Auslagen, fraglos vermutete?

Anzeige

Wäre es denn nicht, und da lasse ich jetzt einfach mal denn Hobbywerbeprofi aus dem von Frühstückskaffe befeuchteten Halse hängen, verkaufspsychologisch nicht weit pragmatischer, den Kunden unerwartet auf eine falsche Fährte zu locken, um ihm dann nach gestillter Neugier hinterrücks ein ganz anderes Produkt reinzujagen? So wäre es für mich doch immens verlockender gewesen, wenn der die Haut toter Tiere verhökernde Anatole "KARTOFFELSÄCKE! - SCHWESTERNHAUBEN! - FIXIERSALZ!" gebrüllt hätte. Dies hätte bestimmt meine quälende Wissbegier befeuert, wie denn ein fälschlich im Fenster mit Lederjacken werbender Laden für Kartoffelsäcke, Schwesternhauben und Fixiersalze möglicherweise von innen aussieht. Und wer weiß, vielleicht hätte ein derart geschickter Ladner mir eine seiner Jacken verkauft, welche ich dann natürlich, um nicht eingestehen zu müssen, dass man mich mit einem Kartoffelsack-Schwesternhauben-Fixiersalz-Versprechen übern Ladentisch zog, niemals tragen würde.

Auch prima ist jene Erinnerung, die mir dann und wann wieder in den Sinn kommt, und mir jenen Augenblick wiedergibt, in welchem ich allein und in urlaubsgemäßer Gedankenlosigkeit einen fast menschenleeren Strand abseits der an der Küste aufgefädelten Hotels abschritt. Und bei dieser Gelegenheit lernte ich einen Einheimischen kennen, der mir weder Jacken noch Fixiersalz, noch anderes verkaufen wollte, sondern nur  seine Gastfreundschaft anbot. Gratis. Und diese bestand daneben in der Offerte, mit ihm eine Zigarette zu rauchen, was ich, der zwar seit fast 20 Jahren nicht mehr rauchte, natürlich aus Gründen der mir angeborenen Höflichkeit nicht ablehnen durfte.

Und so rauchten wir und unterhielten uns über Gott und die Welt, was ich natürlich nur vermutete, da er kein Deutsch und ich fast kein Türkisch sprach. Auf eine Zigarettenlänge waren wir Brüder im Geiste, betranken uns an der Undeutbarkeit unserer in den Sand geritzten Verständigungsversuche, waren Menschen aus dem Bilderbuch, wo wir im normalen Alltag doch allenfalls nur den Comicfiguren eines Frank Miller gleichen.

Das von Zigarettenrauch und Religiosität gegerbte Gesicht meiner unvermuteten Urlaubsbekanntschaft nahm ich also in Gedanken mit, genau wie die Frage, warum der Verkäufer der Lederjacken mit freiem Oberkörper in seinen Laden lud. Was selbstverständlich auch nicht fälschlich überwertet werden sollte. Denn auch mit freiem Oberkörper kann man durchaus ein feiner Mensch sein.

 

(Fortsetzung folgt)


AddThis
blog comments powered by Disqus
 
internetanbieter.info
abgeordnetenwatch_banner_180x50

Twitter_32x32   FaceBook_32x32   Youtube_32x32   MySpace_32x32   buzz_32x32   Feed_32x32

Zitat des Tages
Bei uns leben auch Minderheiten sehr gut. Beispiel: Die oberen Zehntausend.
Lothar Peppel

kolumnistenschwein logo



tv_tipp_des_tages_32
3sat: 01:35 Uhr - 02:20 Uhr
Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung: "1968"
Kleinkunst, Kabarett, Musik
Die Arbeitslosenzahlen
Aktuelle Indizes und Kurse

Kursdaten von GOYAX.de

Aktuelles Wetter
Berlin 9 °C
Hamburg 12 °C
München 10 °C
Köln 13 °C
Frankfurt 15 °C
Stuttgart 14 °C
Wien 14 °C
Zürich 12 °C
  03.09.2010 The Intelligence
Mail an die Redaktion

Haben Sie Anregungen oder Fragen? Senden Sie uns einfach eine Mail!