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Cold Turkey (1)

kolumnistenschwein_150Bevor ich mir Kolumnen geradezu Homerischer Ausmaße über die vergangenen zwei Urlaubswochen aus den ausgeruhten Handgelenken schüttele, gilt es Kritik zu üben. Denn wenn der Autor samt Anhang den herbstlichen Vögeln gleich gen Süden zieht, um sich dort südlich nach allen Regeln der dortigen klimatischen Bedingungen umgarnen zu lassen, so erwartet der Autor zudem, dass die Daheimgebliebenen in dieser Zeit gehörig unter urdeutschem Wetter zu leiden haben, also gefälligst in Grobgestricktem vorm auf Heizstufe 7 bis 8 gestellten Ölradiator sitzen, den Regenschirm Gewehr bei Fuß. 

Doch was muss der Autor im mit 37 Zentimetern nicht unbedingt augenfreundlich zu benennenden Hotelzimmerfernseher sehen? Sie schwitzen und tropfen zu Hause wie in die Sonne gelegte Tiefkühlbeutel mit vereisten Rindsrouladen! Und das alles auch noch für lau, wo der Autor, für ähnliche körperliche Zustände fern der deutschen Heimat, tränennass Bares vom eigenen aufs Konto des Reiseveranstalters transferieren musste, um nun am Mittelmeer das gleiche Wetter vorzufinden, wie die Frankfurter und Eisenhüttenstädter vor ihrer Türe. Welch Fiasko: der Autor entsteigt nach Rückflug dem geflügeltem Transportmittel und was strömt ihm entgegen? Braungebrannte!

Jeder Hitzschlag in Deutschland war somit ein Schlag in mein von türkischer Sonne überschminktes Gesicht. Ganze 14 Tage schlief ich Abend für Abend mit dem unstillbaren Wunsche ein, Wetterhäuschen zu zerschlagen. Oder wenigstens die Zentrale von ITS mit den Kataloge der Urlaubssaison 2008 und 2009 zu bewerfen. Trotz mannhafter Klimaanlage schwitze ich mir im Lichte des osmanischen Halbmondes dicke Perlen auf die Stirn. Und sie waren gefüllt mit den verflüssigten Gefühlen welche man in den Ecken der untersten Schublade findet.

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Auch Beschwerde möchte ich führen über den bedenkenswerten Zustand, dass es bis zum heutigen Tage anscheinend noch keinem Mitarbeiter der Textilindustrie gelang, Shirts zu konstruieren, welche die löbliche Eigenschaft haben, sich ohne jegliche Mühe über die verschwitzen Schultern und Rücken ihrer im Hochsommer gesamtkörperlich Wasser lassenden Besitzer ziehen zu lassen. Man zerrt und reißt, doch nichts bewegt sich und alsbald lässt die im Charakter miese Hexenschusshexe grüßen. Und dann schleicht man tief gebeugt und mit einem Handrücken in Kellnermanier in der Nierengegend platziert am entlang und zieht mit seinem Nasenrücken tiefe Furchen im Sand, die jedem Acker zu Aussaatzeiten zur Ehre gereichen und stöhnt dabei, als hätte man gerade erfahren, dass man in der deutschen Heimat zwar momentan auch die Shirts nicht über den verschwitzten Rücken bekommt, aber wenigstens nicht auch noch dafür bezahlen muss.

Zum Mond fliegen können wir. Aber unsere Leibchen bekommen wir im Sommer nicht aus. Ein Zustand, für dessen Verbesserung ich in der kleinen Kirche meines Heimatortes sofortig eine Kerze zünden will. Und dazu ein kleines Gebet gen Überdachung stoßen, in dessen Zentrum ich das Wort "Antihaftbeschichtung" lege.

Und da ich eben beim hemmungslosen Beweinen allerlei sozialer Beschaffenheiten bin: natürlich ist es toll, wenn das für Kultur zuständige Amt im von mir besuchten türkischen Strandabschnitt für geistig hochwertige Tupfer im von stofflichen Exzessen dominierten Urlaubsalltag sorgt. Doch, so wage ich anzumerken, macht es wenig Sinn, ein klassisches Konzert in einem noch klassischerem Amphitheater zu veranstalten, wenn man für dieses nicht einen Obolus verlangt, der auf Ballermann und Ballerfrau abschreckend wirkt. Denn so war mir der Genuss des Konzertes mit allerlei Gesprächen, lauten Kevin-Lass-das-Gefälligst-Rufen, Telefonaten und den Geräuschen, die Bierflaschen machen, wenn man sie öffnet, von Leuten, die eine Bratsche für einen Fisch und ein Cello für eine kleine Tasse starken Kaffees halten, reichlich vergällt. Und der Eintritt sollte knapp über dem Eintrittspreis der nächsten Diskothek liegen, weil dieses lenkend und bahnend auf die Träger tagsüber erworbener gefälschter Markenware wirkt.

Ansonsten war alles prima. Wirklich.

(Fortsetzung folgt)


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  03.09.2010 The Intelligence
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