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Mit diesen Zeilen stopfe ich das Sommerloch

kolumnistenschwein_150Ich bin kein Klimaforscher, spüre aber sobald ich meinen Hintern zur Haustür hinaus bewege, da draußen herrscht eine Hitze, die hat etwas an sich, was sie die Jahre vorher eben nicht an sich hatte. So etwas Exotisches, so etwas Glühendes, etwas was einen glauben machen will, man wohne nicht mehr am Rande des Thüringer Waldes, sondern mittig der Wüste Gobi. Als hätte die Schneeschaufel im Schuppen still und heimlich eine Umschulung zur Sandschippe absolviert. Und der Rest ergab sich dann einfach so.


Natürlich kann ich mich daran erinnern, dass ich als Kind auch Sommer erlebte, die den Namen Sommer durchaus verdienten. Heiß und bar jedes Regentropfen, trocken bis in die ersten Herbsttage hinein, und doch: irgendwie ist die momentane Hitze irgendwie mörderischer, was, hier heißt es selbstkritisch in die eigene Geburtsurkunde zu schauen, natürlich auch am gehobenen Lebensalter liegen kann. Denn ab einem Lebensalter X ist alles irgendwie dramatischer: das Wasserlassen. Der Sex. Und eben auch das Wetter. Jedes Hoch erscheint einem dann plötzlich doppelt so hoch. Mindestens.

Als Kind konnte man den sommerlichen Hochtemperaturen ja auch viel offener, viel mutiger entgegen treten. Kein Erfurter Springbrunnen, der im Sommer nicht von Buben und Mädchen in Unterhosen gestürmt wurde, um die feuchten Kaskaden als Kühlmittel zu nutzen. Nun lässt sich aber auch ohne großes Fachwissen im Bereich der Völkischen Contenance erahnen, dass, wenn ich heute in Unterhose in einen Brunnen steige, ich mich wahrscheinlich nicht allzu lang am erfrischenden Nass erfreuen dürfte. Die Ordnungsämter greifen nicht nur hart im Winter bei Streupflichtsäumern durch; auch die Brunnen der Großstädte verteidigen sie von Mai bis September gegen jeglichen Missbrauch durch Erwachsene gemäss dem Motto "Sprudeln statt sudeln!" vehement. Die einzigen Orte, an denen Sechsundvierzigjährige Väter wie ich noch gern in Unterhose gesehen werden, sind zumeist jene Orte, an denen die Ehefrauen der Sechsundvierzigjährigen Väter wie mir sie eben nicht gerne sehen. Egal wie heiß die Witterung auch sein mag.

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Auch schien mir in fernen Kindheitstagen der Verzehr von Hitze minderndem Eis ein Vergnügen, welches, da man nun den Status des Erwachsensein inne hat, als lukullisches Amüsement jetzt eine Qualität in sich trägt, die auf einer nach oben offenen Skala doch recht weit unten einzuordnen ist. Doch ist es aber ja nicht an dem, dass Speiseeis heutzutage etwa weit weniger lecker sei, und es hat auch nicht die Fähigkeit verloren, überhitzte Mägen an Hochsommertagen auf Normaltemperatur herunterzufahren. Es ist der Preis, der einem gratis eiskalte Schauer übern verschwitzten Rücken jagt.

Früher, als ich noch auf dünnen Kindsbeinen durch totale Sommer hüpfte, da kam eine Kugel Vanilleeis 15 Pfennig Ost. Heute kostet so ein Kugel schon manchmal 70 Cent. Wenn man nun grob übern schweißnassen Daumen rechnet, dass 70 Cent in etwa 1,40 Mark West waren, und man als Insider davon ausgeht, dass in der DDR eine Westmark für 10 Mark Ost unterm Tisch den Besitzer wechselte, so kostet eine Kugel Eis im Jahre 2010 dementsprechend in ungefähr 14 Mark Ost. Und das bringt einen ehemaligen Ostdeutschen wie mich schon gehörig ins Schwitzen. Und wenn dann dazu das Außenthermometer 38 Grad Celsius anzeigt und das Innenthermometer 27 Grad Celsius - was ja immerhin insgesamt schon 65 Grad Celsius sind! - dann bereue ich schon, kein Klimaforscher geworden zu sein. Denn die verdienen ja bestimmt einen schönen Batzen Geld.

Vielleicht sollte ich übern Sommer einfach mal dahin reisen, wo es deutlich kühler ist. In den Süden zum Beispiel.

 

PS: Ich verabschiede mich mit diesen Zeilen in die Sommerferien. Sollte mich in den nächsten zwei, drei Wochen der Hitzschlag treffen, so gilt dieses Adieu wohl auf längere Zeit. Vanilleeis und vorrauseilende Genesungswünsche an:

kolumnistenschwein [ät] theintelligence.de


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  03.09.2010 The Intelligence
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