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Das dicke Ende kommt am Schluss

kolumnistenschwein_150 Ich bin unzweifelhaft urlaubsreif. Ausgelaugt. Intensiv spüre ich die Demarkationslinie zwischen Physis und Psyche. Und sie ist bereits stark perforiert. Ein Zustand der sich insbesondere durch permanente Übermüdung und eine geistige Trägheit auszeichnet, deren Wert noch weit unter dem bundesdeutschen Mittel zu liegen scheint. Was einem selbstkritischen Menschen schon recht schnell die Vertiefungen auf die Stirne bringen sollte, welche man gewohnheitsmäßig nur aus reinen Sorgen faltet. Denn das deutsche geistige Mittel ist ja, so offenbart schon ein kurzer Blick ins Fernsehnachmittagsprogramm, augenscheinlich nur einen Hauch weit überm Boden angesiedelt. Ich liege also quasi in der intellektuellen Gosse und die Viskosität meiner Gedanken hat einen Zustand inne der seit Tagen irgendwo zwischen erkaltender Lava und erstarrendem Beton verweilt. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. 

Doch noch habe ich die Kraft, in dieser Kolumne wegen dreier Dinge verbal kräftig mit den Füßen zu stampfen. Und alle drei Katalysatoren eines Blutdruckes, welchen nur Sarkasten auf Grund seiner Höhe als "Amplitude eines von Schweinefleisch dominierten Lebens" bezeichnen würden, finde ich in den fast noch taufrischen Erinnerungen an jenen Tag der letzten Woche wieder, an welchem ich beim Discounter die existenziellen Dinge des Lebens erwerben wollte, welche, wenn sie den Körper wieder verlassen, sich nicht nur aus hygienischen Gründen jeglicher Zweitverwertung verweigern.

Ich hatte den Bereich der Kasse bereits erreicht, als mein von Hitze und Sonnenbrille geschwächter Blick auf ein Stückweit vor mir in der Reihe stehende Zeitgenossen fiel. Zwei Personen vermeintlich unterschiedlichen Geschlechts, welches sich aber auf Grund der enormen Körpermassen und der fast identischen Kleidung nicht zielgenau interpretieren ließ. Slipper, Shorts und Shirts der Größe XXXXL lassen zwei mal circa 130 Kilo Mensch allemal nur als unisex erscheinen. Zumal sie beide Brüste hatten. Sogar das mit Vollbart.

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Nun zähle ich selbst auch einige sehr korpulente Menschen zu meinem Bekanntenkreis, und nimmer käme es mir in den Sinn, diese auf Grund ihrer Leibesfülle zu diffamieren. Am Ende leben wir doch in einem Land, welches, wäre es ein Esel, unter der Last vorhandener Speisen und Tränke längst alle Viere von sich gestreckt hätte. Und schon ein Sprichwort aus Tadschikistan besagt schließlich, dass Essen Balsam für die Seele sei. Und was für die Seele überaus gut ist, spiegelt sich in vielen menschlichen Fällen eben auch im Körper wieder. Wobei ein voluminöser Leib aber nun beileibe nicht stets und ständig für eine gute Seele steht. Göring war streng übergewichtig aber als Mensch nicht wert, was die Fliegen an meinen Lampenschirmen hinterlassen.

Doch das Bedenkenswerte soll in diesem Text nicht das Innere des Menschen, sondern das Innere des Einkaufswagens sein, welchen die beiden wohlbeleibten Kunden schwerfällig vor sich herschoben. Denn in diesem stapelten sich drei Packungen mit jeweils sechs 1,5-Liter-PET-Flaschen Cola und circa zehn Tüten Kartoffelchips. Der Kunde ist König. Ja. Doch trägt der Verkaufsstellenleiter, welcher sich diesen Kunden nicht sofort mit einer Kalorientabelle in den Weg wirft, nicht einen tödlichen Dolch im Gewande, sprich weißen Kittel? Ist also die Veräußerung von eindeutig der Gesundheit abträglicher Lebensmittel nicht ein Tatbestand, welcher sich mit dem Begriff Aktiver Sterbehilfe gleichsetzen ließe? Das Stopfen von Gänsen wurde in Deutschland verboten. Das Stopfen von Kunden scheinbar nicht. Ein Sachverhalt, der mich meine zwei Tafeln Edel-Bitter-Schokolade behände unterm Blumenkohl verstecken ließ. Ich wollte den Verkaufsstellenleiter nicht unnötig weiter moralisch belasten.

Ich bin unzweifelhaft urlaubsreif. Ausgelaugt. Intensiv spüre ich die Linie zwischen Leben und Tod. Und sie ist bereits stark perforiert. Ein Zustand der sich insbesondere durch permanente Übermüdung und eine geistige Trägheit auszeichnet, deren Wert noch weit unter dem bundesdeutschen Mittel zu liegen scheint. Was überdies rechtfertigt, von den drei angekündigten Beweggründen dieser Kolumne zwei unbegründet und ohne schlechtes Gewissen außen vor zu lassen.

Rien ne va plus.


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  03.09.2010 The Intelligence
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