Das Testament - Ein Mystery Thriller - Teil 5
Die ersten vier Teile sind bereits veröffentlicht und hier ist nun das Finale von „Das Testament“, dem Mystery Thriller von Thomas Dellenbusch. Gibt es das Erbe wirklich und warum ist immer von einem Mystery Thriller die Rede? Wer auf den kompletten Text gewartet hat, der kann nun das ganze Werk am Stück lesen. Teil 1 startet hier. Auch denen, die bereits auf dem Laufenden sind, wünschen wir viel Lesespaß und freuen uns zusammen mit dem Autor über Feedback in den Kommentaren, oder gerne auch in dieser Facebook-Diskussion zum Thema.
Das Testament - 5. und letzter Teil
Martha zog sich in Windeseile um. Ein alter Pullover und eine Jeans. Sie suchte ihre Handtasche, stopfte Schlüssel, Zigaretten und die Fernbedienung für die Einfahrt hinein, warf sich eine Jacke über und beeilte sich, das Haus zu verlassen. In ihrer Wohnstraße konnte Adriano nicht halten. Er würde, wie immer, in der Bushaltestelle an der nächsten Einmündung warten.
Ihre Gedanken flogen schneller von A nach B, als Adrianos alter VW Jetta über die Landstraßen nach Monticello fahren konnte. Bei der Diskussion über Langhaar- oder Kurzhaarschnitt, die sie mit Signora Bocchi vor Jahren hatte, handelte es sich um eine gemeinsame persönliche Erinnerung, die nur sie und die Friseurin teilten. Ebenso wie der letzte Satz Giovannis vor ihrer Abfahrt nach Monterosi eine Erinnerung war, die sie eben nur mit Giovanni teilte.
"Quando io non ci dovrei stare piú, tieni il fuoco del nostro Amore nell¢ occhi."
"Wenn ich mal nicht mehr sein sollte, behalte das Feuer unserer Liebe im Auge."
Dass Giovanni das an seinem letzten Tag zu ihr gesagt hatte, gehörte nicht zu dem für jedermann recherchierbaren öffentlichen Allgemeingut, und es war auch keine Spekulation oder eine mutige Schlussfolgerung eines schwedischen Möchtegern-Detektivs. Das war ein Gespräch zwischen Giovanni und ihr. Das kann und konnte niemand anderes wissen. Damals hatte sie diesem Satz so wenig Bedeutung beigemessen, dass sie ihn sogar fast vergessen hatte. Wieso hätte sie, nichts von all dem ahnend, was kommen würde, diesem Satz auch Bedeutung geben sollen? Nun aber, durch die beiden Schweden in einen neuen Kontext gebracht, erhielt dieser Satz nicht nur seine Bedeutung, er bekam sogar plötzlich einen Inhalt – eine Botschaft.
In ihrer ersten Liebesnacht, als sie noch lange eng umschlungen vor dem knisternden Kamin im Salon lagen, bezeichnete Giovanni ihre kleine Villa als das Nest ihrer ewigen Liebe und die Flammen im Kamin als das Feuer ihrer Liebe. Wenn also die Schweden mit ihrer Theorie auch nur annähernd Recht hätten, müsste Giovanni in seinem Abschied auf den Kamin angespielt haben.
Martha trieb ihren Neffen immer wieder an, noch schneller zu fahren. Als Sie ihm zum hundertsten Mal ein "Beeil Dich" entgegen zischte, nahm er deutlich Fahrt heraus und bellte zurück, dass er nicht gewillt sei, seinen Führerschein für 50 Euro zu riskieren. Martha stöhnte laut und wippte beständig mit den Füßen im Fußraum, so als gäbe sie selber Gas.
Endlich in Monticello angekommen, steuerte Adriano den Wagen langsam durch die kleinen Straßen und erreichte schließlich das große Tor, welches das weitläufige Grundstück abschloss. Martha fischte die Fernbedienung aus ihrer Handtasche und öffnete vom Beifahrersitz aus die Einfahrt. Der Jetta rollte den Zufahrtsweg entlang, vorbei an den noch nicht blühenden Sträuchern und Büschen und hielt am Ende auf dem Platz vor dem Haupteingang.
"Du wartest hier, hörst Du?" befahl Martha ihrem Neffen, nahm sich den Werkzeugkasten von der Rückbank und steuerte auf die Eingangstüre zu.
Seit vielen Jahren schon hatte Martha das Schlafzimmer im oberen Stock nicht betreten. Und auch jetzt vermied sie es. Natürlich war in diesem Zimmer heute nichts mehr so wie vor 35 Jahren, aber es war das Zimmer an sich, das ihr Angst machte. Sie ging direkt durch die Diele in den nach hinten hinaus gelegenen Salon mit dem Panoramablick über die Bucht. Zitternd vor Aufregung stand sie vor dem Kamin, dessen äußere Verblendung und Innenwände mit grauen Quadersteinen gemauert waren. Sie stellte den Werkzeugkasten neben sich ab und ließ ihre Jacke und die Handtasche ebenfalls zu Boden gleiten. So stand sie eine ganze Weile dort, ohne sich zu rühren. Ihr Herz pochte, und sie atmete schwer.
Schließlich krempelte sie die Ärmel ihres Pullovers hoch, kniete sich vor den Kamin, dessen Innenwände mit Ruß bedeckt und auf dessen Boden über einer Schicht verkohlter Reste bereits frische Scheite aufgeschichtet waren. Sie drehte sich um, öffnete den Werkzeugkasten und entnahm diesem einen kleinen Hammer. Damit klopfte sie an den Innenwänden Stein für Stein ab auf der Suche nach einem, bei dem das Klopfgeräusch auf einen dahinter liegenden Hohlraum schließen ließ. Aber alle eingemauerten Steine klangen gleich. Martha legte den Hammer beiseite und befühlte alle Steinreihen in der Hoffnung, dass vielleicht einer der Steine etwas lockerer war als die anderen. Wieder nichts. Dann schob sie die frisch aufgeschichteten Holzscheite mit der Hand beiseite und prüfte nun auch an allen Innenwänden die beiden unteren Steinreihen. Und diesmal entdeckte sie etwas. In der zweiten Reihe von unten in der linken Innenwand war einer der hinteren Steine etwas locker. Nicht schlecht, dachte sie, denn das war eine gut ausgewählte Stelle, auf die die Sicht bei gefülltem Kamin verdeckt war, einmal ganz abgesehen davon, dass sowieso kein Mensch einen Anlass hätte, bewusst dahin zu schauen, geschweige denn, an den mit Ruß verschmierten Steinen zu rütteln.
Wenn sie ihre Fingerkuppen auf den Stein legte, konnte sie ihn im leichten Spiel poröser Fugen ein paar Millimeter hin- und herbewegen. Aber sie konnte ihn mit bloßen Händen nicht herausziehen, weil sie seine Kanten nicht zu fassen kriegte. Stattdessen nahm sie aus dem Werkzeugkasten zwei kleine Schraubenzieher und drückte sie links und rechts in die Fugen. Die Hose werde ich wegschmeißen können, ging ihr durch den Kopf, denn um mit beiden Händen beide Schraubenzieher bewegen zu können, musste sie sich mit dem rechten Knie in der Asche abstützen.
Martha hielt beide Schraubenzieher mit den Händen fest umklammert und bewegte sie möglichst synchron hin und her, so dass der Stein sich Millimeter für Millimeter nach vorne aus seinem Loch schob. Ein Stückchen noch, dann lugte er weit genug heraus, dass Martha ihn mit ihren Fingern an seiner oberen und unteren Kante packen und einfach herausziehen konnte. Sie legte ihn ab und warf die beiden Schraubenzieher hinter sich in den Salon. Dann lehnte sie sich zurück und kramte in dem Werkzeugkasten nach der kleinen Taschenlampe, die in einem der Fächer lag. Nachdem sie die Lampe ertastet und genommen hatte, beugte sie sich wieder in den Kamin und hielt den Leuchtkegel in das dunkle Loch, in dem der herausgezogene Stein kurz zuvor noch gesteckt hatte. Sie musste sich mit ihrem Oberkörper sehr weit zur Seite legen, um überhaupt in das Loch blicken zu können, und beinahe hätte sie dabei das Gleichgewicht verloren und wäre der Länge nach in die alte Asche gefallen. Das Loch war vielleicht 15 bis 20 cm tief und endete vor dem glatten Abschluss des an den Kamin anschließenden Mauerwerks. Und es lag nichts drin in dem Loch. Martha legte die Lampe ab und seufzte.
Erst als sie den herausgezogenen Stein wieder in das freie Loch schieben wollte, fiel ihr Blick auf dessen Rückseite und sie erschrak. Für einen Moment war sie starr. In die Rückseite des Steins war notdürftig, vermutlich mit Hammer und Schraubenzieher, über die gesamte Länge des Steines eine Vertiefung, eine halbrunde Rille, hineingeschlagen worden. Und in dieser steckte, mit Gewalt eingeklemmt und dadurch ein wenig verbeult, ein silbernes, metallenes Zigarrenröhrchen mit Schraubdeckel. Sie befreite das Röhrchen, zwängte sich aus dem Kamin heraus und ließ sich, sitzend mit dem Rücken zur Kaminverblendung, auf dem Boden nieder. Fassungslos und mit pochendem Herzen starrte sie auf das Zigarrenröhrchen, das quer in ihren mit Ruß bedeckten Händen lag.
Martha Vadeva wischte sich, so gut es eben ging, den Ruß von den Fingern an ihrer Hose ab und öffnete den Schraubverschluss des Zigarrenröhrchens. Sie hielt die Öffnung gegen das Licht der hereinströmenden Nachmittagssonne und schaute hinein. Sie erkannte gerollte Aluminiumfolie, die sie vorsichtig aus dem Röhrchen herauszog. Es waren drei Lagen, die ineinander gerollt waren. Zwischen den Lagen eingepackt, zum Schutz vor der Hitze des Kaminfeuers, befanden sich zwei Bogen Papier, die mit einer bewusst kleinen Handschrift eng beschrieben waren. Zunächst konnte Martha die ersten Zeilen nicht entziffern, weil ihre zitternden Hände das Papier nicht ruhig genug halten konnten. Sie zog ihre Beine an und drückte den ersten Bogen fest auf ihren rechten Oberschenkel, um ihn zu fixieren. Dann entnahm sie ihrer Handtasche ihre Lesebrille und las.
Mein letzter Wille
Ich, Giovanni Gambesi, geboren am 27.07.1943 in Rom, erkläre hiermit im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, dass ich meine derzeitige Verlobte, Frau Martha Marinelli, geboren am 12.06.1948 in Ostia, im Falle meines Todes als Alleinerbin meines Vermögens, sowohl meiner finanziellen als auch materiellen Güter, bestimme. Sollte direkten Familienmitgliedern von Gesetzes wegen ein Pflichtanteil zustehen, so soll dieser aus dem monetären Teil meines Vermögens bestritten werden. Es ist bei einer etwaigen Feststellung mehrerer Pflichterben darauf zu achten, dass Frau Martha Marinelli auf jeden Fall den Vergnügungspark Terra de miracoli, den ich kürzlich in Cielo degli Angeli umbennen ließ, zur Gänze erhält und etwaige weitere Erben aus dem sonstigen Vermögen befriedigt werden.
Monticello, den 27.03.1975
Giovanni Gambesi
Martha vergaß fast zu Atmen und starrte hinaus auf die Bucht. Mein Gott, mein Gott, mein Gott, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Dass sie nun, die Durchsetzbarkeit dieses Testaments vorausgesetzt, Multimillionärin sei, registrierte sie nicht. Es interessierte sie auch nicht. Es überwältigte sie vielmehr die Tatsache, dass sie nach 35 Jahren Sehnsucht, nach 35 Jahren Einsamkeit, einen handschriftlichen Brief von Giovanni in Händen hielt, der für sie so neu war, als wäre er gerade erst verfasst worden.
Sie legte das Testament vorsichtig neben sich auf den Boden und nahm den zweiten Bogen zur Hand.
Monticello, den 27.03.1975
Geliebte Martha,
Es ist kurz vor Mitternacht. Du bist eingeschlafen. Ich sehe Dir gerne beim Schlafen zu. Denn dann ruht Dein Gesicht, und es ist noch weicher, noch erhabener als sonst. Immer, wenn ich Zeuge Deines schlafenden Antlitzes sein darf, ruht für mich die Zeit. Kein Gestern. Kein Morgen. Es gibt nur diesen Moment, und der ist unendlich. Unvergänglich.
Ewig seiend im einzig wahrhaft Wirklichen: im Jetzt.
Ich danke Dir. Ich danke Gott für Dich. Du bist meine Liebe. Wenn Du schläfst, brauche ich nicht zu sagen, Du bist meine "einzige" oder "große" oder "wahre" Liebe. Ich brauche nicht zu sagen, Du seiest es schon immer gewesen, oder dass Du es immer sein wirst. Denn im Anblick Deines schlafenden Daseins umfasst das einzig wahrhaft Wirkliche, das Jetzt, alle Zeit und alle Form. Daher ist für mich alles gesagt, wenn ich Dir schreibe: Du BIST meine Liebe.
Geliebte Martha, morgen kommt mein Bruder Luigi, und er bringt vermutlich jemanden mit: meinen Mörder. Weil ich Dir nicht abschwören kann. Es ist ein Beschluss der Familie, dem ich nicht entrinnen kann. Nur der Widerruf unserer Liebe wäre die Alternative. Aber Du bist meine Liebe. Alles andere tritt ohne Bedeutung hinter diesem einzig wahrhaft Wirklichen zurück. Es ist Jetzt. Und damit ist es ewig. Vermisse mich nicht. Ich bin! Und damit ewig.
Ich verspreche Dir: Wir sehen uns wieder. In einem anderen Leben.
Dein Mann Giovanni
Der Brief entglitt ihrer Hand. Er schwebte mit zwei sanften Schwüngen durch die Luft und legte sich auf die Steinfliesen.
"...in einem anderen Leben...".
Martha lehnte ihren Hinterkopf an den Kamin und ließ ihre Arme nach unten sinken. Der Abschied, den nur Giovanni kennen konnte. Das angeborene Muttermal quer über der Halsschlagader. Der sie magisch anziehende Blick aus blauen, schwedischen Augen. Geboren am 25. Dezember 1975, neun Monate nach Giovannis Tod. Der Tagebucheintrag eines Mannes am anderen Ende der Welt, an dessen Seite ein 15 Monate altes Kleinkind schläft. Es schläft. Die Zeit steht still. Und das Kind brabbelt im Traum. Es brabbelt. Es spricht. Italienisch!
Lediglich aus der Küche war das leise Ticken einer analogen Uhr im Herd zu hören. Im oberen Badezimmer stand ein Oberlicht auf Kipp, und der leichte Windhauch bewegte in sanften Wellen den ockerfarbenen Vorhang. Die Eingangstür stand noch einen Spalt offen, der Schlüssel baumelte im Loch. Im Schlafzimmer bewegte sich nichts. Stilleben. Das ganze Haus erzitterte plötzlich unter einem durchdringenden Schrei.
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Adriano trommelte mit seinen Fingern auf das Lenkrad im Takte des Beats, der aus dem Radio kam. Sein rechter Fuß wippte den gedachten Bass dazu, als er seine Tante aus dem Haus kommen sah. Sie zog ihren Schlüssel aus der Tür und ließ diese ins Schloss fallen. Dann lief sie auf den VW zu. Lediglich ihre Handtasche hielt sie fest in ihrer Faust, vom Werkzeugkasten keine Spur.
Martha sprang auf den Beifahrersitz und knallte die Tür zu.
"Los, beeil Dich!"
"Was ist denn mit Dir los? Bist Du unter die Kellerkinder geraten? Du bist ja dreckig wie Sau!"
Martha schrie: "Gib Gas, los!!"
Adriano zündete den Wagen, zog die Handbremse an und drehte sich auf dem Kies mit viel Gas auf der Stelle, bis die Wagenfront in Richtung Ausfahrt zeigte. Dann fuhr er los.
"Zurück zu Dir?"
"Zum Flughafen, mach schnell. So schnell Du kannst."
"Zum Flughafen?? Was denn für ein Flughafen? Kannst Du mir..."
"Zum Fiumicino natürlich. Kennst Du noch einen? Gib Gas, Junge, bitte, gib Gas!!"
In dem Moment erreichten sie die T-Mündung zur Viale Garibaldi, auf der Adriano nach alter Gewohnheit rechts abbiegen wollte, um den normalen Weg in den Nordosten Roms zu nehmen. Aber er reagierte sofort und riss den Wagen mitten auf der Strasse herum in die westliche Richtung. Ein Kleintransporter, der auf der Gegenspur von Osten kam, musste abbremsen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden und begleitete das Manöver natürlich mit einem anhaltenden Hupkonzert. Adriano kümmerte sich nicht darum, sondern beschleunigte den Wagen auf der Küstenstraße so schnell es dieser hergab. Martha hörte kein Hupen. Eigentlich wären beide Fahrtstrecken infrage gekommen. Aber Adriano hatte sich kurzfristig anders entschlossen. Um diese Tageszeit auf den Ring zu fahren, es war inzwischen später Nachmittag, wäre Wahnsinn gewesen. Dichtester Berufsverkehr. Zäh fließend, wenn man Glück hat.
Also nahm Adriano die Strecke nach Westen, um den ganzen Lago di Bracciano herum bis nach Bracciano selbst. Von dort über die Landstraße bis zur A12, die Autostrada entlang der Mittelmeerküste. Sie führte von Norden her an den Flughafen heran, und man musste erst kurz vor dem Flughafen auf die A91 wechseln. Dieses letzte Stück könnte um diese Zeit noch einmal kritisch werden, aber die Fahrt bis dahin dürfte recht flüssig vonstatten gehen.
Für Martha dauerte es eine Ewigkeit, für sie war es die scheinbar langsamste Autofahrt ihres Lebens. Sie konnte kaum ruhig sitzen bleiben, bewegte sich ständig hin und her oder ruckelte mit ihrem Oberkörper vor und zurück, als wolle sie dem alten VW, wie einem Schlitten, mehr Schwung geben. Martha warf immer wieder einen Blick auf den Tacho und seufzte.
"Kannst Du nicht schneller? Los!"
"Mehr geht nicht. Ich stehe mit dem Fuß schon im Motor, Tante. Mehr gibt die olle Karre nicht her."
Martha war zum Platzen zumute. Der blaue Teppich des Mittelmeeres, der am Horizont an ihrem Beifahrerfenster vorbeizog, schien sich überhaupt nicht zu bewegen, und immer wieder musste Adriano den Wagen auf die rechte Fahrspur lenken, weil schnellere Fahrzeuge hinter ihm aufblinkten und hupten. Und das, obwohl Adriano schon 140 km/h fuhr, während auf der A12, wie überall in Italien, nur 120 erlaubt waren.
Am Ende der A12 wechselte er endlich auf die A91, und von nun an ging es noch langsamer. Einen Stau hatten sie zwar nicht, aber der dichte Verkehr in Richtung Flughafen zwängte die einzelnen Fahrzeuge in eine langsame, 60 km/h fahrende, Kette.
"Oh Gott, oh Gott, oh Gott...", entfuhr es Martha immer wieder. Ab und zu warf sie einen Blick auf ihre Handtasche, die im Fußraum lag, nur um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist. Eine 250-Millionen-Euro-Handtasche.
Endlich erreichten Sie die Ausfahrten auf das Flughafengelände. Die Fahrspur teilte sich bald an einer Gabelung. "Ankunft oder Abflug, Tante?“
"Abflug! Abflug!"
Adriano steuerte den Wagen in die rechte Bahn und fuhr an einer schier endlosen Kolonne wartender Taxen vorbei, bis er endlich an der Gebäudefront mit den vielen Eingangstüren ankam. Natürlich waren nirgendwo Halte- geschweige denn Parkmöglichkeiten für Nicht-Taxen vorgesehen.
"Halt an!"
"Hier??"
"Ja doch! Halt an und lass mich einfach raus. Fahr ins Parkhaus und warte auf mich. Ich zahle."
Adriano bremste ab, und sofort schwoll das unausweichliche Hupkonzert hinter ihm an. Martha kümmerte es nicht. Sie schnappte sich ihre Handtasche, sprang aus dem Wagen und rannte los. Mit dem ganzen Schwung preschte sie durch eine der Schwingtüren und stürmte in die Abfertigungshalle des Flughafens. Hektisch schaute sie sich um auf der Suche nach einer Anzeigetafel oder einem Monitor. Weiter hinten erkannte sie drei Reisende, die vor einem Monitor standen. Sie lief los. Der Hall ihrer Laufschritte war in der ganzen Halle zu hören. Vor dem Monitor kam sie nicht rechtzeitig zu stehen und rempelte einen der Männer zur Seite.
"Scusi... scusi" murmelte sie nur und fuhr mit ihrem Finger die Flugreihen auf dem Monitor ab. Neapel. Prag. Wien. Mailand. Frankfurt. Da! Frankfurt. Lufthansa-Flug 3847. 18.10 Uhr. Gate 36.
Sie schaute auf die Uhrzeit. 17.57 Uhr.
Wo ist Gate 36? Sie entschied sich einfach für eine Richtung und rannte los. Dann erkannte sie ein Schild, das an der Decke hing. "Zu den Gates" und ein Pfeil nach rechts. Fast wäre sie ausgerutscht, als sie auf dem gefliesten Untergrund die Kehrtwende vollzog. Sie rannte den Gang hinunter, so schnell sie konnte. Gate 47. Gate 46. Gate 45. Immer wieder musste sie Menschen mit Gepäck ausweichen. Gate 42. Gate 41. Gate 40. Sie rempelte beim Vorbeilaufen eine dicke Frau mit Hut an. Flüche verfolgten sie. Gate 39. Sie kam aus der Puste. Wurde langsamer. Gate 38. Gate 37. Endlich. Neben einer großen Panoramafront aus Glas erreichte sie Gate 36.
Sie erkannte das Fließband zur Durchleuchtung des Gepäcks und den großen Detektor, das Durchgangstor daneben. Sicherheitsleute in blauen Uniformen standen dort und unterhielten sich. Keine Passagiere. Über dem Durchgang zum Gate 36 eine Digitalanzeige mit der Flugnummer "LH 3847", dem Ziel "Frankfurt" und der Zeitangabe: 18.03 Uhr.
Sie rannte auf einen der Uniformierten zu und versuchte, diesen anzusprechen.
Sie war völlig außer Atem.
"Bitte..., Signore..., bitte..."
Sie legte ihre Hände auf die Hüften und beugte sich vor, um einmal ruhig durchzuatmen.
"Ein Mann.... in der Maschine..." Sie schnaubte. "Ich muss ihm was geben. Bitte!"
Der Sicherheitsmann sah sie freundlich an.
"Scusi, Signora."
"Bitte!" Ihre Stimme wurde flehentlich.
"Selbst, wenn ich wollte, Signora, aber die Maschine hat sich schon von der Gangway abgekoppelt und befindet sich schon auf der Bahn."
Martha keuchte.
Der Mann legte ihr die Hand an die Schulter und drehte sie sanft zur Seite.
"Schauen Sie, Signora. Sie können es sehen, hier, durch die Panoramafenster. Mit diesen Worten schob er sie vorsichtig zu der großen Glasfront.
Die Maschine mit dem Kranich hatte sich von der Gangway gelöst und bewegte sich langsam rückwärts. Am Ende des Vorplatzes schwenkte sie um und fuhr vorwärts auf die Zubringerbahn.
Martha presste ihre schweißnasse Hand gegen die Scheibe. Ihr Flüstern war Ausdruck purer Verzweiflung: "Giovanni..."
"Signora?"
Der Mann in der Uniform stand noch immer neben ihr. Martha antwortete nicht.
"Signora, sehen Sie..."
Der Sicherheitsmann zeigte auf eine Aussichtsplattform zu ihrer Rechten, einige Meter höher gelegen. Dort stand etwa ein halbes Dutzend Menschen, einige davon mit Ferngläsern, die die startenden und landenden Maschinen beobachteten.
Der Sicherheitsmann ging einige Meter voraus und öffnete eine gläserne Tür in der Fensterfront, hinter der eine Außentreppe mit nur wenigen Stufen auf die Plattform führte.
Martha löste sich langsam von der Scheibe und steuerte auf den Mann zu, der die Türe immer noch für sie offen hielt. Finger für Finger verblasste der feuchte Abdruck ihrer Hand langsam auf dem Glas. Dann verschwand er gänzlich.
Martha stieg die wenigen Stufen bis zur Aussichtsplattform empor. Dort angekommen lehnte sie sich an die Brüstung und suchte die Lufthansa-Maschine, in der Jens Karlson saß. Die Maschine war inzwischen auf der Startbahn an- und dort zum Stillstand gekommen. Als Passagier mochte sie diesen kurzen Moment. Die letzten spannenden Sekunden, bevor dieser ungeheure Schub einsetzte.
Jetzt gab der Pilot Gas. Die Maschine beschleunigte und wurde schneller und schneller. Martha folgte der Fahrtrichtung mit ihrem Kopf. Plötzlich senkte sich das Heck der Maschine, und die Nase richtete sich auf. Wie an einer langsamen Schnur gezogen verloren die Reifen den Bodenkontakt, und die Maschine hob ab. Martha folgte ihr mit den Augen. In einer bestimmten Höhe wurde das Fahrwerk eingefahren, und das Flugzeug stieg höher und höher. Martha musste bereits ihren Kopf in den Nacken legen, um noch sehen zu können, wie Jens Karlson durch die tief hängenden Wolken stieß und im Himmel von Rom verschwand.
Martha blieb noch sehr lange auf der Aussichtsplattform stehen. Die Menschen um sie herum kamen und gingen. In ein paar Tagen, da war sich Martha sicher, würde sie mit Giovannis letztem Willen Signore Castellani besuchen.
Was sie jedoch von diesem Tage an nie wieder besuchte, war Giovannis Grab.
Denn das war fortan leer.
Ende
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