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Ein Politjunkie zieht die Notbremse

notbremse_minicoverPolitiker haben sicherlich keinen leichten Job. Zumindest nicht, wenn sie den Beruf auch als Berufung sehen und entsprechend engagiert ans Werk gehen. Wenn es dann auch noch auf nationale Ebene – sprich in den Bundestag – geht und dort kein Hinterbänkler-Dasein gefristet werden soll, sondern das Amt eines parlamentarischen Staatssekretärs hinzu kommt, darf man getrost von Stress sprechen, der allerdings auch süchtig machen kann – und krank. Wohl dem der es dann schafft, die Notbremse zu ziehen. Ulrich Kasparick, dem Autor des gleichnamigen Buches mit dem Untertitel „Ein Politjunkie entdeckt die Stille“, ist dies gelungen und auf 222 Seiten lässt er die Leser an dieser Entwicklung teilhaben.

20 Jahre lang war Kasparick in der Politik, nachdem er vorher als Stadtjugendpfarrer in Jena tätig war. 20 Jahre in denen er sehr viel erlebt hat, von der politischen Aufbauarbeit unmittelbar nach der Wende, bis zu unzähligen Auslandsreisen in Vertretung der Bildungs- und Forschungs-Ministerin, bzw., des Verkehrsministers ab dem Jahr 2004. Im Jahr 1998 wurde er erstmals Mitglied des deutschen Bundestag, in den er zwei weitere Male, bis zum Jahr 2009, jeweils durch ein Direktmandat gewählt wurde. Die Tage waren lang, die Nächte entsprechend kurz, der Terminkalender immer brechend voll und der Druck immens hoch. Hinzu kamen einige schwere Krankheiten, die ihn zu der Entscheidung gebracht haben, im Jahr 2009 nicht mehr zu kandidieren und direkt nach Ende der Legislaturperiode ein Sabbatical - eine einjährige Auszeit - einzulegen in dem auch große Teile des vorliegenden Buch entstanden sind.

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Einige Kapitel des Werkes berichten über die stressige Zeit im politischen Amt und man kann sich sehr gut in die Situation hineinversetzen, die auch ein gewisses Suchtpotential beinhaltet. Nicht umsonst sieht sich der Autor als Politjunkie, also als Süchtigen. Und das gilt seiner Aussage nach auch für die meisten seiner Kollegen im Bundestag. Das Gefühl etwas bewegen zu können oder ein anderes Ministerium in Sachen Presse-Berichterstattung zu übertrumpfen sind nur zwei Punkte in der Sammlung der Suchtmittel. Macht und „Wichtigkeit“ gehören ebenfalls dazu und lassen die mannigfaltigen Entbehrungen des Politikerlebens hinten anstehen. Was jedoch am späten Feierabend hinter verschlossen Türen in einem Abgeordneten vorgeht, gehört zu den Tabus der Szene, darüber wird nicht gesprochen. Einsamkeit und als Folge davon auch Alkohol sind hier die Stichworte. Nicht wenige Mandatsträger sind davon betroffen, was aber auch durchaus nachvollziehbar ist, denn Familienleben, wie es der Normalbürger kennt, findet in dieser Berufsgruppe nur sehr bedingt und dann auch nur Stundenweise statt.

Neben den Kapiteln über den Politikeralltag sind auch andere Themen zu finden, nicht umsonst ist bereits auf dem Cover das Wort „Stille“ zu lesen. Und diese Stille hat Ulrich Kasparick für sich entdeckt. Er rät auch seinen ehemaligen Kollegen zu mehr Stille und Entschleunigung, um Politik wieder effizient werden zu lassen und nicht an notgedrungen und durch Zeitmangel entstandenen Entscheidungen zu scheitern. Viele dieser einzelnen Texte sind daher durchaus auch als spirituell zu beschreiben notbremse_coverund an mehreren Stellen wird aus dem Tagebuch „Zeichen am Weg“, des UN-Generalsekretärs und Friedensnobelpreisrägers Dag Hammarskjöld, zitiert, in dem ebenfalls sehr nachdenkliche Zeilen zu finden sind.

Das Buch „Notbremse“ muss nicht zwangsläufig von vorne bis hinten durchgelesen werden, es ist mehr als eine Sammlung einzelner Berichte und zum nachdenken anregender Texte im Tagebuchstil zu sehen. Man sollte sich Zeit und Ruhe dazu nehmen um den Inhalt auf sich wirken zu lassen, denn der hat es in vielerlei Hinsicht in sich. Es wäre außerdem zu hoffen, dass die aktuellen Bundestagsabgeordneten das Werk in die Hände bekommen und sich damit auseinandersetzen. Es könnte ein erster Schritt zur Verbesserung des politischen Landschaft sein, wenn denn nur etwas mehr Stille einkehren würde. Das gilt natürlich auch für viele andere „Branchen“. Wir geben deshalb unsere absolute Kaufempfehlung!

Das Buch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und für 17,95 € im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.


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