Bis an die Grenzen. Chronik einer Migration
Einer der radikalsten Vorschläge zur Bekämpfung der weltweiten Armut besteht in der Forderung, alle Grenzen für alle zu öffnen und damit Bevölkerungswanderungen genau dorthin zu lenken, wo genügend Arbeit zu finden ist. Vom wachsenden Wohlstand, so die Studien, würden auch die Herkunftsländer der Migranten durch Geldüberweisungen profitieren. Eine Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass sich durch die Öffnung der Grenzen das weltweite Bruttosozialprodukt verdoppeln würde. Doch klingt diese Forderung angesichts der Ängste der wohlhabenden Länder um ihre Arbeitsplätze utopisch. Die politisch motivierte Flüchtlingswelle aus den nordafrikanischen Statten nach Europa im letzten Jahr hat einmal mehr deutlich gemacht, dass Europas Bevölkerung eher gewillt ist, die Grenzen dicht zu machen, um die eigenen Pfründe zu wahren. Doch wie sieht die Situation aus Sicht derjenigen aus, für die Europa immer noch das Land der Sehnsucht und Hoffnung ist? Gemäß UNHCR kommen jährlich ca. 120.000 Menschen aus Afrika nach Europa, 35.000 alleine aus den Ländern südlich der Sahara. Fabien Didier Yene ist einer derjenigen, die den Sprung nach Europa wagten, aber bisher nicht geschafft haben. Der junge Kameruner hat seinen Leidensweg durch die Sahara bis vor die Tore Europas, den beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in dem äußerst beeindruckenden Testimonio „Bis an die Grenzen. Chronik einer Migration“ beschrieben.
Fabien Didier Yene stammt aus einer angesehenen Familie des kamerunischen Dorfes Ekombitié. Er kann sogar in der Hauptstadt Yaoundé die Schule besuchen. Da sein Vater gegen den Willen der Familie eine Frau aus einem anderen, weniger anerkannten Stamm heiratet, bleibt Fabien ein kultureller Außenseiter. Die Verbundenheit zum Heimatdorf reißt mit dem Tod des Vaters völlig ab. Als seine Freundin Valérie, die ebenfalls einem verfeindeten Stamm angehört, bei einem Autounfall ums Leben kommt, setzt sich Fabien verzweifelt in den Tschad ab, da er die Rache ihres Stammes fürchtet. Fabien beschreibt diese Vorerzählung sehr ausführlich, da es ihm sehr wichtig ist, gegen das europäische Vorurteil anzuschreiben, dass alle afrikanischen Flüchtlinge vor Hungersnot und Armut fliehen. Mit viel Liebe zum Detail führt Fabien aus, wie es seinem Großvater und Vater über lange Zeit gelingt, Wohlstand in ihrem Dorf zu wahren. Ihn treibt kulturelles Außenseitertum in die Flucht.
Diese führt ihn auf einer der Hauptrouten der Flüchtlinge aus den Ländern südlich der Sahara in den Tschad, nach Nigeria, den Niger, Libyen, Algerien und schließlich nach Marokko. Ausgangspunkt der eigentlichen Flucht ist dabei die ehemaligen Karawanenstadt Agadez im Niger, die historisch eine große Bedeutung für den Transsahara-Handel innehatte und heute vor allem Wüstentouristen anzieht. Auf der Reise in das Wunderland Europa zeigt sich, wie rosarot die Vorstellungen von der Zukunft sein können. Fabien berichtet: „ Die Kongolesen zum Beispiel stellen sich vor, in Belgien Musik zu machen und schöne Boutiquen wie die von Yves Saint Laurent aufzusuchen. Die Kameruner träumen von den Champs Elysées, vom Eiffelturm, von wo aus sie schöne Fotos machen würden,von einem Mittagessen bei MacDonald’s oder von einem Fußball- Match Marseille-Paris. Die Nigerianer wollen über London in die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für alle.“ Quelle dieser Träume sind die phantastischen Erzählungen von Freunden und Verwandten, die es bereits auf den alten Kontinent geschafft haben. Wer will schon vom ärmlichen und isolierten Dasein in den Banlieues der großen Städte berichten?
Auf seiner Flucht kommt Fabien angesichts der klimatischen Verhältnisse der Wüste nicht nur an seine physischen Grenzen. Auch psychologisch ist er ständig am Rande der Verzweiflung. Die Flüchtlinge werden von Schleppern, Polizisten und Banden ausgebeutet. Unvorstellbare Korruption von Polizei und Behörden, Gewalt und Vergewaltigung untereinander sowie in den maghrebinischen Staaten ein unverhohlener Rassismus gegenüber den Schwarzafrikanern beherrschen die Reise. In einem Titel einer marokkanischen Zeitung werden die Flüchtlinge deshalb auch mit „schwarzen Heuschrecken, Überträger[n] von Krankheiten“ (S. 200) gleichgesetzt. Melilla und Ceuta werden durch hohe Stacheldrahtzäune und strenge Bewachung vor dem Eindringen der Flüchtlinge geschützt. Die spanische Guardia, immerhin Repräsentant europäischer Rechtstaatlichkeit an der Außengrenze, wird wenig schmeichelhaft dargestellt. Sie klüngelt mit Schleppern und marokkanischen Behörden und wendet häufig unangemessen Gewalt gegen die Flüchlingen an. Stacheldraht und brutale Gewalt sind Ausdruck der europäischen Abschottung, die wir im komfortablen Mitteleuropa gerne ausblenden. Fabiens bemerkenswertes Bild der Mauer, die die Flüchtlinge im Wald vor Melilla und Ceuta von Europa trennt, geht leider in der deutschen Übersetzung des Titels etwas verloren. Im französischen Original heißt das Buch denn auch „Migrant au pied du mur“ (Migrant am Fuße der Mauer). Nach dem von Fabien geschilderten Massenansturm, der elf Menschenleben fordert, werden die Zäune flugs so erhöht worden, dass sich die Flüchtlinge nun neue, gefährlichere Wege nach Europa suchen müssen: der Weg übers Meer auf die Kanaren beispielsweise oder in das italienische Lampedusa.
Fabiens Erzählweise kommt ganz ohne Pomp und überbordende Gefühle aus. Spröde berichtet er von den unfassbaren Ereignissen, fast als würde er eine Kamera halten, die erbarmungslos die Fakten festhält. Dadurch wirkt die Erzählung sehr authentisch und unmittelbar. Besonders beeindruckt hat mich sein Durchhaltevermögen, auch in Momenten, in denen er seiner elementaren Menschenrechte beraubt wird. Fabien Dider Yene erreicht das Ziel Europa nicht. Er lebt heute in Rabat, arbeitet als Sprecher der Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisation ADESCAM und setzt sich für die Reisefreiheit aller Menschen ein.
Das Buch, das im Klagenfurter Verlag Drava erschienen ist, kann in einer zweiten Auflage ab dem 20. Januar für 14,80 € beim Verlag, im Buchhandel oder direkt hier bezogen werden.
Ein weiterer Link:
Leben auf der falschen Seite (NZZ)









