Homicide – Über Mord und Totschlag
Wenn ein Buch nach über 20 Jahren erstmals in deutscher Sprache erscheint, drängt sich zwangsläufig der Verdacht auf, dass dieses für das deutsche Publikum nur mäßig geeignet ist. Bei dem Werk „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ von David Simon trügt dieser Schein. Es ist eine fulminante Reportage über das Leben und Sterben auf den Straßen Baltimores. Der direkte und ungeschönte Blick hinter die Kulissen der Arbeit eines Morddezernats in einer typischen US-Stadt und das detailgetreue Bild einer Welt, in der ein Drogenpaket weit mehr Wert besitzt als ein Menschenleben, machen das Werk von Simon zu einem der intensivsten Bücher über moderne Polizeiarbeit.
Der Autor war bis Ende der 1980er-Jahre als Polizeireporter für die Lokalpresse in Baltimore tätig. 1988 absolvierte Simon ein einjähriges Praktikum im Morddezernat von Baltimore und konnte so nicht nur den ermittelnden Polizisten über die Schultern schauen, sondern bekam einen Eindruck von den Rivalitäten innerhalb des Dezernats, vom politischen Druck, der aufkommt, wenn ein Redball auf den Tischen der Detectives landet. Ein Fall, der zunächst unlösbar scheint und ein hohes mediales und politisches Echo hervorruft, wie die Ermordung eines elfjährigen Mädchens in Baltimore. An dieser erzählerischen Aorta hangelt sich Simon von Mordfall zu Mordfall. Und von diesen gibt es viele in der Stadt mit rund 600.000 Einwohnern. Über 230 Morde müssen in Baltimore pro Jahr aufgeklärt werden, und während es bei einigen von diesen sehr schnell geht, den Täter hinter Gittern zu bringen, ist der Kampf der Polizei bei anderen Fällen schier aussichtslos.
Fernab der glamourösen Welt von CSI und Co. geht es bei Homicide wesentlich rauer zu. Der derbe Ton der Detectives wirkt dabei authentisch, er ist Zeuge für das dicke Fell, welches man sich zulegen muss, um erfolgreich zu sein. Er ist zugleich Sinnbild für die Straßen, auf denen Morde begangen und Drogen verkauft werden, während die Polizei fast verzweifelt versucht, die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Welt, in die Simon seine Leser eintauchen lässt, ist voll von Gewalt und voll von Kriminalisten, die dieser Gewalt Einhalt gebieten wollen.
Die Beschreibung der Tatorte, die aus dem Einschussloch sickernde Gehirnmasse und die Blutlache, die sich um das Opfer gebildet hat, während an der nächsten Ecke das tägliche Geschäft mit portionierten Drogenkügelchen weiterläuft, lässt verstehen, weshalb die Mordermittler zuweilen zynisch, seltener rassistisch, aber meistens grob miteinander reden. Gewalt und Dummheit scheinen zumeist eine unheilvolle Allianz in den Köpfen der Täter zu bilden. Letztere ermöglicht es den Ermittlern aber, die Tatverdächtigen im Verhörraum aufs Glatteis zu führen und mit vergleichsweise billigen Tricks zu einem Geständnis zu bewegen, wenigstens aber den wahren Täter zu verraten.
Die literarische Beschreibung der Arbeit eines Morddezernats von David Simon ist in seiner Gesamtheit zeitlos. Natürlich gibt es heute technische Hilfsmittel, die die Polizei unterstützen können. In Homicide wird allerdings deutlich, dass diese niemals den Instinkt und das Können eines Ermittlers ersetzen können. Die Erkenntnis, dass jeder lügt, jeder etwas zu verbergen hat und die meisten Menschen ganz bewusst darauf verzichten, mit der Polizei zu sprechen,
kann man nicht erlangen, wenn man sich als Mordermittler statt auf sein Gespür lieber auf moderne Technik verlässt. Dies ist es, was das über 20 Jahre alte Buch unbewusst vermittelt. Homicide ist kein Kriminalroman, es ist eine Reportage in Buchform über das Ankämpfen gegen die und das Aufklären der Gewalt in Baltimore. Daneben gewährt Simon Einblicke in den Mikrokosmos Morddezernat, in die übergeordnete Maschinerie der bürokratischen Selbsterhaltung und dem ständigen Kampf zur Verbesserung der eigenen Aufklärungsquote, die so gummiweich wie jede andere Statistik ist. Auf den über 800 Seiten schwingt dabei immer die unbestimmte Angst der Ermittler vor einer ihrer goldenen Regeln mit: Es gibt ihn, den perfekten Mord.
Das Buch ist im Kunstmann Verlag erschienen und kostet 24,90 €. Es ist im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.









