Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten?
Ziemlich exakt neun Jahre ist es nun her, dass ein Entführungsfall Schlagzeilen machte. Es war Ende September 2002, als ein gewisser Magnus Gäfgen den Sohn eine Frankfurter Bankiers entführt und umgebracht hat. Sein Name: Jakob von Metzler, elf Jahre alt, man erinnert sich. Allerdings wäre dieser Kriminalfall nicht so aus der Menge der anderen herausgestochen, wenn da nicht das Wort Folterandrohung im Hintergrund mitschwingen würde. Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit war damals einer der involvierten Beamten und hat mit „Um Leben und Tod“ nun ein Buch auf den Markt gebracht, das den Fall aus seiner Sicht erzählt.
Wahrscheinlich kann sich jeder Leser daran erinnern, dass der Täter Gäfgen, Spitzname „Maggi“, sich bereits in Polizeigewahrsam befand, vom Opfer allerdings jede Spur fehlte und anzunehmen war, dass die Zeit, in der ein elfjähriges Kind ohne Versorgung mit Lebensmitteln überleben kann, im Minutentakt herunterlief. Mittlerweile waren fast vier Tage vergangen. Die Situation für das Kind, sofern es nicht bereits tot war, wurde lebensbedrohlich und der Entführer sagte entweder gar nichts oder log das Blaue vom Himmel herunter, wenn es um den Ort ging, an dem er Jakob versteckt hatte.
Als Ultima Ratio beschloss Ennigkeits Vorgesetzter, Frankfurts Polizeivizepräsident Manfred Daschner, dem Verbrecher körperliche Schmerzen anzudrohen und notfalls auch zuzufügen, damit er endlich mit der Wahrheit herausrückt. Ennigkeit war dabei lediglich der Überbringer der Nachricht. Letztendlich kam es gar nicht mehr zu einer Gewaltanwendung, denn Gäfgen hat dann doch ausgepackt und der Polizei die Stelle gezeigt, an der die Leiche des Kindes gefunden wurde. Fall geklärt, könnte man meinen, wenn auch mit sehr bedauerlichem Ausgang.
Was im Anschluss folgte, war für den normalsterblichen Bundesbürger nicht mehr zu erklären. Sowohl Ennigkeit als auch Daschner wurden von einem Gericht wegen Nötigung schuldig gesprochen und verwarnt. Das Rechtssystem
hatte mit seiner ganzen (politischen) Kraft zugeschlagen, der gesunde Menschenverstand blieb dabei vollkommen auf der Strecke und aus dem Täter wurde ein Opfer. Chapeau!
Das Buch dient nicht nur der Aufarbeitung eines der berühmtesten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte, es regt auch zur Diskussion darüber an, ob die Würde eines Verbrechers der eines Opfers zu bevorteilen ist. Bei einer spontanen Straßenumfrage würde wohl eine 99,9%-ige Mehrheit mit „Nein“ abstimmen. Warum nur sieht das Gericht das dann anders?
„Um Leben und Tod“ ist im Heyne Verlag erschienen und hat 272 Seiten. Für 16,99 € ist es im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.









