Das neue kapitalistische Manifest
In Bloggerkreisen ist der US-Ökonom Umair Haque für seine provozierenden Thesen längt bekannt. Für die einen ist er ein herausragender Motivator, für die anderen ein oberflächlicher Agitator. Auf jeden Fall polarisiert er mit Leidenschaft. Seine Thesen zum konstruktiven Kapitalismus hat er nun in einem Buch systematisch zusammengeführt: The new capitalist manifesto. building a disruptively better business (Harvard Business Review Press, 2011). Er fordert damit nicht wenig: Ziel des Buches ist es, zur radikalen Veränderung unserer Wirtschaftswelt aufzurufen.
Wie soll das funktionieren? Umair Haque, Direktor des Hava Media Labs und Blogger der Harvard Business Review, zeigt anhand von fünf Eckpfeilern, wie sich die industrielle Gesellschaft des letzten Jahrhunderts in die des konstruktiven Kapitalismus des 21. Jahrhunderts verändern muss.
1. Die traditionelle Wertschöpfungskette („value chain“) der Firmen entwickelt sich zum Wertschöpfungszyklus („value cycle“). Gemeint ist damit die konsequente Wiederverwendung der eingesetzten Ressourcen.
2. Das herkömmliche Leistungsversprechen gegenüber den Kunden („value proposition“) verändert sich zu Gunsten gleichberechtigter Gespräche zwischen Produzenten und Abnehmern („value conversations“), so dass die Effektivität der wirtschaftlichen Tätigkeiten über den gesamten Herstellungs- und Verteilungsprozess sichergestellt ist.
3. Die bisherigen kurzfristigen Unternehmensstrategien („strategies“) werden zu Gunsten von Firmenphilosophien ersetzt („philosophies“), um eine langfristige Ausrichtung der Unternehmen zu gewährleisten.
4. Haque ersetzt Abschottungsmassnahmen zur Bewahrung der Wettbewerbsfähigkeit im angestammten Markt („protection“) durch den Begriff der Vollendung („completion“), welche die Grundlage für weitere Innovationen schafft.
5. Die mehrdeutige Bezeichnung der „goods“ (für „Güter „und die „Guten“) ersetzt er durch die des „Besseren“ („betters“). Darunter versteht er, dass Güter nicht nur materielle Bedürfnisse erfüllen, sondern Ausdruck eines sinnvollen Wertesystems sein sollen.
Als Evangelist schert er sich wenig um eine strenge theoretische Definition seiner Begriffe. Er illustriert - typisch für angelsächsische Business Schools - lieber anhand konkreter Praxisfälle, wer zum Kreis der zukunftsfähigen Firmen gehört. Zum erlauchten Kreis gehört beispielsweise Nike, nicht aber Adidas und Puma; dazu gehört auch LEGO, nicht aber Mattel. Die zahlreichen Beispiele sind durchweg anschaulich und nachvollziehbar, wenn ich mir auch den ein oder anderen radikaleren Firmenansatz im Sinne eines „small is beautiful“ gewünscht hätte. Die Anwendung betriebswirtschaftlicher Termini ist faszinierend. Er schlägt den Gegner sozusagen mit den eigenen Mitteln. Sein Marketing beherrscht Haque aus dem Effeff.
Wer sich mit den Paradigmen des social business auseinandergesetzt hat, wird merken, dass seine Ideen nicht so radikal neu sind, wie sie vorgetragen werden. Im Gegensatz zu den hierzulande bekannten Vertretern sozialverträglichen Wirtschaftens, wie z.B. dem sanften Muhammad Yunus oder dem akademisch angehauchten Günter Faltin, spricht aus Haque die Ungeduld eines „angry young man“. Er fasst den Zorn einer Generation, die keinen Bock hat, unter dem Schulden- und Müllberg einer verfetteten Gesellschaft begraben zu werden, in plastische Worte. Das ist äusserst erfrischend und verleiht seinen Aussagen eine grosse Authentizität.
Haque ist temporeich, smart, polarisierend und fordernd, wenn auch im Buch lange nicht so rotznäsig frech wie in seinen Blogbeiträgen. Virtuos spielt er auf der Klaviatur des MBA-Jargons, den er kreativ um seine eigene Terminologie ergänzt. Angesichts seiner Fähigkeiten und Arbeitseinstellung könnte er locker auch bei McKinsey oder Goldman Sachs arbeiten und die Karriereleiter erklimmen. Gut, dass er die andere Seite gewählt hat und es immer mehr gibt, die es dem Absolventen der London School of Economics gleichtun. Zu letzteren gehört inzwischen übrigens auch McKinsey selber. Es muss also langfristig Geld zu verdienen sein mit dem Thema.
Das Buch ist Anfang Januar 2011 in englischer Sprache erschienen. Eine Übersetzung ins Deutsche ist bisher nicht geplant. Das Buch ist absolut lesenswert und nach meinem Verständnis auch für deutsche Muttersprachler aufgrund seiner bildreichen Sprache im englischen Original gut verständlich. Erhältlich sind die 256 Seiten für 20,95 € direkt hier.









