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Der Schwarze Schwan – Konsequenzen aus der Krise

der_schwarze_schwan_minicoverEin „schwarzer Schwan“ ist ein Extremereignis, das scheinbar aus dem Nichts heraus aufzutauchen scheint. Er hat die Dimension, ein gesamtes System, eine Volkswirtschaft stürzen zu können. Nassim Nicholas Taleb, seines Zeichens Wirtschaftspublizist mit arabischen Wurzeln, legte auf den ersten „Schwarzen Schwan“ noch einen drauf. Titel „Der Schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise“, ein Postscript-Essay der amerikanischen Neuauflage von 2007, zeigt dem Leser, mit der für Taleb typischen forschen Ausdrucksweise, die Absurdität des westlichen Wirtschaftssystems.

Gleich zu Beginn beruft sich Taleb auf die Natur. Diese scheint sich auf Redundanzen zu verlassen und produziert von vielen Dingen immer mehrere Ausgaben. So haben wir zwei Augen und bräuchten doch nur eines zum Sehen. Die Natur legt die Leistungsfähigkeit des Organismus also höher aus, als sie müsste. „Wenn wir die Natur den Ökonomen überlassen würden, würde sie die individuellen Nieren ganz abschaffen …“, und da wir die Nieren nicht permanent benötigen, hätte eine ökonomisch orientierte Natur sicherlich schon die Zentralniere auf Sharing-Basis erfunden oder würde die Augen des Nachts vermieten. Taleb sieht im Effizienzstreben der Ökonomie eine „naive Optimierung“, der leicht Fehler unterlaufen und diese damit im Gegensatz zur Natur steht. „Die Natur mag keine zu starke Spezialisierung, da das die Evolution einschränkt und die Tiere schwächt.“ Alles auf Schulden und Kredite aufzubauen, wäre laut Taleb eine solche naive Optimierung.

Ein anderes Naturgesetz sieht Taleb in kleinen Unternehmen. Die Großen wären „hässlich und fragil“. Kleine Unternehmen dürften scheitern und würden somit die Volkswirtschaften unberührt lassen. Für die Großen gilt aber „too big to fail“. Auch in der Naturverschmutzung sieht der Autor ein Problem, das unsere Wissenschaft heraufbeschwört. Dieselben Wissenschaftler, die heute Prognosen über den Klimawandel abgeben, hätten sich nicht zu Wort gemeldet, als wir den Weg der Verschmutzung betraten. Also heißt es, sensibel und behutsam mit der Natur umzugehen. Die Klimawissenschaftler würden nach Taleb genauso handeln wie die Wirtschaftswissenschaften: sie würden die Risiken ihres Handelns einfach negieren.

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„Wir haben Beweise dafür, dass es auf kleinen Inseln viel mehr Arten pro Quadratmeter gibt als auf großen und natürlich auf ganzen Kontinenten.“ Taleb meint, dass die Natur zu viel Vernetzung und Globalisierung nicht mag. Größere Umwelten wären skalierbar. Das erlaubt den Größeren noch größer zu werden und geht auf Kosten der kleineren Umwelten. Die wirtschaftliche Globalisierung wäre also, geht man nach den Gesetzen der Natur, völlig kontraproduktiv. Die Natur macht uns die Konsequenzen unseres Handelns bewusst. Ein interessantes Argument für die Natur als Vorbild führt der Autor auch mit der funktionellen Redundanz an: die Verwendung von der Natur Hervorgebrachtem zu gänzlich anderen Einsatzmöglichkeiten. Beispielsweise sei der Mund ursprünglich zum Essen da gewesen, wird aber zum Küssen ebenso verwendet. So sind die Verwendungsmöglichkeiten, „für die man nicht bezahlt hat“, für die Weiterentwicklung der Art so wichtig. Auch das Aspirin war ursprünglich als fiebersenkendes Mittel gedacht – heute verdünnt es das Blut und hilft Herzinfarkten vorzubeugen. Das ist funktionelle Redundanz in Reinkultur.

Gerade dieser Stil von Taleb mit seinen quer gedachten Beispielen lässt das Thema eine Art Selbstoffenbarungseid leisten. Der Autor denkt effektuiert (siehe dazu auch die Reportage über Effectuation als Planungsinstrument auf The Intelligence) und sieht in manchen unvorhergesehenen Ereignissen auch Positives. Er nennt das dann „positive schwarze Schwäne“.

Man hat also aus der Krise von 2008 nichts gelernt. Man hätte sich die Natur zum Vorbild nehmen müssen um zu erkennen, dass diese für Ökonomen ineffizient und redundant handelt, aber weitaus stabiler ist als jedes Wirtschaftsmodell des schnellen Gewinns. Die Natur schafft Reserven für den Fall des Falles und bietet damit höchstmögliche Stabilität. Sie nützt Zufälle und bindet diese in ihre „Produktentwicklung“ ein. Ökonomen tun das nicht. Sie verlassen sich auf Prognosen und verleugnen, dass die Wirtschaft ein lebender Organismus ist, der Variabilität und Zufälligkeit laufend hervorbringt. Taleb begründet das damit, dass Populationen einen „Extremistan-Stil“ unterliegen: es gab immer Hungersnöte und Zeiten des Überflusses. Der Mensch musste also darauf angelegt sein, damit umzugehen – das käme einer fraktalen Lebensweise nahe und stünde im Gegensatz zur westlichen Lebensweise, die alles in Zeiteinheiten und Regelmäßigkeiten organisiert. Beispiel: Niemand joggte im Pleistozän täglich 42 Minuten und nahm drei Mahlzeiten am Tag mit einer bestimmten Kalorienzahl zu sich. Wir sollten also „die Vorteile des Lebensstils der Jäger und Sammler zu 90 Prozent“ wiedererlangen, was Taleb in seinen Recherchen mit minimaler Anstrengung gelang.

Das Fazit lautet: sich vor künstlich erzeugter Stabilität (= die Prognose) hüten, weg von den Vorhersagen, die nur zu „mentalen Verzerrungen“ führen, die akademische Welt müsste ihre Ansichten ändern und ihre Statistiken endlich verstehen. Also heißt es, Redundanzen anzulegen und die Welt wieder zu vereinfachen. Einfache Ergebnisse in wenig vernetzen Systemen können keinen großen Schaden anrichten - das passt doch zur Philosophie des alternativen Nobelpreisträgers Leopold Kohr, der in Wirtschaftskreisen immer noch ein Dasein am Rande des Mainstreams führt.

der_schwarze_schwan_coverErfolg ist, so Taleb, Verluste zu vermeiden und nicht Gewinne zu machen. Wem das nicht möglich ist, der sollte zumindest Respekt vor Mutter Natur beweisen und wahrhaben, dass etwas, das schon lange funktioniert, viel stabiler ist als eine kurzfristig funktionierende Vorgehensweise am Markt des schnellen Gewinns. Man sollte Redundanzen lieben lernen, sich vor Bonuszahlungen hüten und ihrem subjektiven Risiko und Risikozahlen gegenüber überhaupt eine misstrauische Haltung entwickeln. Am Ende gilt es noch die positiven Schwarzen Schwäne zu erkennen und sie, wie Mutter Natur, zur Vielfalt und Entwicklung nützen.

Trotz der erfrischenden lockeren Sprache, mit der Taleb Beispiele für seine Theorien bringt, sollte man sich nicht vom Fachwortschatz des Autors überraschen lassen. Dem Leser bleibt das Resümee: „Endlich jemand, der das Problem auf den Punkt bringt“. Alles in allem ein Buch, das in die aktuelle Kritik der neoliberalen Finanzwirtschaft passt.

Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise. München: Hanser 2010. 132 Seiten, gebunden. ISBN 978-3-446-42410-4


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  17.05.2012 The Intelligence

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