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Wikileaks – Mehr Schein als Sein!

inside_wikileaks_minicoverEr war drei Jahre lang Teil von Wikileaks. Im September 2010 hat er die Organisation verlassen und am vergangenen Freitag ein Buch veröffentlicht, in dem er die Zeit beschreibt, die er zusammen mit Julian Assange bei der „gefährlichsten Website der Welt“ verbracht hat. Das Werk trägt den Titel „Inside Wikileaks“ und der Autor heißt Daniel Domscheit-Berg, auch bekannt unter dem Namen Daniel Schmitt, den er sich damals als Pseudonym zugelegt hat. Ob der Inhalt als Rache für einen Rauswurf zu werten ist oder als gnadenlose Enthüllung, muss wohl jeder Leser für sich selbst entscheiden, denn die Trennung war alles andere als freundschaftlich. Vollkommen emotionslos ist das Buch sicherlich nicht entstanden. Wichtiger sind allerdings die Fakten, die auf rund 300 Seiten auftauchen und Wikileaks in ein anderes Licht rücken.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass WL, wie es die Mitarbeiter intern immer abgekürzt haben, lange Zeit aus nur zwei Personen bestanden hat, die mit einer „Uralt-Maschine“, sprich einem einzigen Server älterer Bauart, die Welt verändern wollten. „Mehr Schein als Sein“ war lange Zeit das Motto, wenn es darum ging Wikileaks nach außen darzustellen. Nicht jeder Offline-Status der Seite war also durch externe Angriffe provoziert, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass der altersschwache Server der Belastung nicht standgehalten hat. Dass dies alles sehr gefährlich war erscheint logisch, denn wäre jemand auf diesen Fakt gestoßen, hätte er keine Probleme gehabt, das Projekt zu attackieren und ihm den Garaus zu machen. Aber der Bluff ist aufgegangen und zwischenzeitlich hat sich die Infrastruktur verbessert, wenn auch nicht auf das Niveau, welches eigentlich nötig wäre um wirklich jedes Sicherheitsrisiko auszuschließen. Aus diesem Grund hat Daniel Domscheit Berg bei seinem Abgang auch eine große Menge an Daten sichergestellt, die er erst wieder herausgeben will, wenn er überzeugt ist, dass Wikileaks verantwortungsvoll und technisch sicher damit umgehen kann.

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Nun aber zu den persönlichen Erfahrungen des Autors mit Julian Assange, der Lichtgestalt hinter Wikileaks. Was anfangs als echte Freundschaft zu bezeichnen war, ist mit der Zeit immer weiter abgekühlt und hat im offenen Streit ein Ende gefunden. Um es aber gleich vorweg zu nehmen, Daniel Domscheit-Berg traut ihm keinesfalls zu, dass er wirklich ein Vergewaltiger ist, wobei damit allerdings das Positivste bereits gesagt wäre, denn an Hand vieler Beispiele lässt er den Wikileaks-Gründer als sozial inkompetent, um nicht zu sagen als egoistisches Arschloch dastehen. Geld ist allerdings nicht das worauf Assange scharf ist. Ruhm, Ehre und Anerkennung sind ihm wichtiger als alles andere auf der Welt. Und mit der Wahrheit nimmt es Assange offenbar auch nicht immer ganz so ernst, wenn es darum geht, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Neid, wenn nicht er es ist, der im Rampenlicht steht. Daraus resultieren dann Entscheidungen, die mit gesundem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen sind. Genie und Wahnsinn scheinen wieder einmal nahe beieinander zu liegen.

Am Whisteblowing selbst hat Domscheit-Berg allerdings nach wie vor Interesse. Aus seinen Erfahrungen mit Wikileaks und zusammen mit weiteren Aussteigern hat er ein neues Projekt mit dem Namen OpenLeaks gestartet. Er sieht es als wichtig an, dass die Welt erfährt was hinter den Kulissen von Politik und Wirtschaft vor sich geht. Im Gegensatz zu WL wird bei OpenLeaks jedoch nicht selbst veröffentlicht, sondern die geleakten Daten werden direkt an diejenigen weitergegeben, die nach Meinung des Einsenders die richtige Plattform haben um die Informationen einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Die eigene Publicity wird also nicht im Vordergrund stehen.

Eine interessante Randnotiz, die nicht direkt mit der Enthüllungsplattform zu tun hat, findet sich ebenfalls in dem Buch. Anlässlich einer Besprechung zum Thema Kinderpornografie und Internetzensur, waren der Autor und eine Mitstreiterin bei der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen eingeladen, die ihr „Besprechungsteam“ durch eine Mitarbeiterin inklusive deren achtjähriger Tochter „verstärkt“ hat. Das Kind konnte an dem Tag angeblich nicht anderweitig beaufsichtigt werden inside_wikileaks_coverund „durfte“ die ganze Zeit im Raum anwesend sein, was natürlich die Diskussion zu diesem heiklen Thema ordentlich eingebremst hat. Sehr clever von der Frau Ministerin, ein Kind als Schutzschild zu verwenden.

Das Buch ist spannend geschrieben, dafür zeichnet übrigens Tina Klopp verantwortlich, die das Ganze zu Papier gebracht hat, und dürfte für jeden eine interessante Lektüre sein, der einen Blick hinter die Kulissen von Wikileaks werfen möchte. Wer die 300 Seiten beendet hat, wird Wikileaks mit anderen Augen sehen, auch wenn am eigentlichen System nicht gerüttelt wird. Lediglich die Umsetzung wirft einen Schatten auf „die gefährlichste Website der Welt“. Aber am besten ist es, sie machen sich selbst ein Bild davon.

Inside Wikileaks ist im Econ-Verlag erschienen und für 18 Euro im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.


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