WAR: Ein Jahr im Krieg - Ein Buch das verändert
„Zivilisten sträuben sich gegen den Gedanken, dass einer der traumatischsten Aspekte des bewaffneten Kampfes darin besteht, ihn aufgeben zu müssen“. Einer der Kernsätze im Buch "WAR: Ein Jahr im Krieg" von Sebastian Junger, der als Korrespondent der Vanity Fair über einen Zeitraum von insgesamt 15 Monaten mit einer Einheit von US-Soldaten im Korengal-Tal, einer der heftigst umkämpften Gebiete Afghanistans, lebte. Und eine der Tatsachen die meine Sicht über den Krieg sehr verändern sollte. Nach einigen Tagen, in denen mich dieses Buch gefangen hielt, nach Nächten in denen ich das Gelesene im Traum verarbeitete, sieht der Krieg in Afghanistan nicht besser, oder noch schlechter aus, als er sowieso schon ist, sondern eben anders.
In diesem Buch geht es nicht um den Krieg der Politiker, nicht um vermeintliche Wahrheiten über die Schuldigen von Terroranschlägen und die dadurch vorgeschobene Legitimation für diesen, oder andere Kriege im Nahen Osten. Es geht nicht um die Zusammenhänge zwischen der CIA und Osama Bin Laden und deren Aufdeckung, oder um Manipulationen von Medien und unbeantwortete Fragen, welchen Großindustriellen dieser Krieg nun am meisten nützt. Diese Fragen muss und sollte man sich an anderer Stelle stellen. Hier geht es nur um die blanke Realität von Soldaten des 2nd Platoon, der Battle Company, einer US-Amerikanischen Einheit, die Sebastian Junger mehr als ein Jahr begleitete, dessen Teil er wurde, deren tiefe psychologische Veränderung er selbst am eigenen Leib erlebte und die er in seinem Buch so fesselnd wiedergibt, dass auch ich beim lesen Teil dessen wurde. Es ist nicht Mitleid, das in mir entsteht, denn auch wenn viele der im Nahen Osten stationierten US-Soldaten nur deshalb da sind, weil sie im zivilen Leben entweder im Gefängnis, oder tot auf der Straße gelandet wären, haben sie sich freiwillig gemeldet, genauso wie der amerikanische Journalist, der sie begleitete.
Das Korrengal-Tal, nahe der Grenze zu Pakistan, ist der Schauplatz der wohl erbittertsten Kampfhandlungen zwischen amerikanischen Streitkräften und den Taliban. US-Soldaten die hier stationiert sind leben über ein Jahr lang auf einem zusammen gezimmerten Vorposten, ohne fließendes Wasser und ohne warmes Essen, in der ständigen Gewissheit, dass ein einziger Taliban-Kämpfer, die sich „wie Gespenster durch die Berge bewegen“ mit einem Maschinengewehr an der richtigen Stelle postiert, ihre ganze Einheit nicht nur sehr durcheinander bringen, sondern sogar töten kann. Das einzige was die, im Durchschnitt um die 20 Jahre alten, „Jungs“ davon abhalten kann im Kugel-, oder Granatenhagel der Taliban zu sterben, ist die völlige Selbstaufgabe des Individuums und das bedingungslose funktionieren als Gruppe, als Einheit. Helden gibt es hier nicht, sondern nur die Notwendigkeit das Leben des anderen deshalb zu schützen, um das aller anderen und sein eigenes nicht zu gefährden. Dabei entsteht unter den jungen Männern ein Zusammenhalt, ja eine Zuneigung, fernab jeglicher Sexualität, die für sie mit nichts auf der Welt und schon gar nicht im zivilen Leben vergleichbar wäre. Für viele ist es sogar eine Form der Wertschätzung und Liebe, die sie noch niemals an anderer Stelle erfahren haben und nach eigener Aussage wohl auch niemals werden.
In einer Sprache, die einen wie in einen hoch spannenden Film abtauchen lässt, beschreibt Sebastian Junger diese physischen und psychischen Veränderungen des Einzelnen und auch von sich selbst. Er beschreibt, teilweise auch sehr gewissenhaft und wissenschaftlich recherchiert, wie sich durch chemische Prozesse in Körper und Gehirn, die Handlungs-, und Denkweise von Männern in Kampfhandlungen verändert und warum die unerträglichsten Situationen der amerikanischen Soldaten nicht die
sind, in denen sie beschossen und getötet werden können, sondern die, in denen sie darauf warten, dass der nächste Angriff endlich stattfindet. So wird einem mit der Zeit auch klar, dass die meisten Soldaten nicht deshalb in der zivilen Welt nicht mehr klar kommen, weil sie unter zunehmenden posttraumatischen Störungen aufgrund des Erlebten leiden, sondern deshalb, weil es ihnen fehlt. So paradox dies klingt, so deutlich wird es mit jeder Seite dieses Buches. Und es wird auch deutlich, welche psychologische Bedeutung die Abspaltung, bzw. die Zusammenrottung von Menschen, schon in der Steinzeit, in Gruppen von 30-50 Individuen hat und vielleicht sogar warum wir Menschen, seit Anbeginn aller Zeit, nicht in der Lage sind in größeren Gemeinschaften, friedlich miteinander leben können. Für mich persönlich stellt dies ein gravierendes Defizit der Spezies Mensch dar, aber in meinem stetigen Ringen darum, Erklärungen dafür zu finden, hat mich das Buch „WAR – Ein Jahr im Krieg“, von Sebastian Junger, ein ganzes Stück näher gebracht.
Erschienen ist "WAR: Ein Jahr im Krieg" im Blessing Verlag und für 19,95 € im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.
Informationen zum - auf den in „WAR“ beschriebenen Erlebnissen beruhenden - Dokumentarfilm „Restrepo“ von Sebastian Junger und Tim Hetherington, gibt es hier (english): http://restrepothemovie.com









