Gibt es ein Leben ohne Internet und Handy?
Vermutlich würden knapp 100% der Besitzer eines DSL-Anschlusses und/oder eines Mobiltelefons die Frage, ohne auch nur ansatzweise nachzudenken, mit „Nein“ beantworten. Beide technischen Errungenschaften haben sich so in unser Leben eingenistet, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, darauf zu verzichten. Genauso erging es auch Christoph Koch, der, bedingt durch einen Umzug, von seinem Internetanbieter auf dem Trockenen sitzen gelassen wurde und bereits nach wenigen Tagen starke Entzugserscheinungen bekam. Als jedoch nach geraumer Zeit alles wieder funktionierte, angestachelt durch seine Freundin, fasste er den Plan, sich für sechs Wochen aus der digital vernetzen Welt zurück zu ziehen und hat den Stecker gezogen. Wie es ihm dabei ergangen ist, beschreibt er in seinem Buch „Ich bin dann mal offline“.
In amüsanten Worten erzählt der Autor, wie er während der ersten Tage seines gnadenlosen Selbstversuches noch eine Art „Phantom-Vibrieren“ in der Hosentasche gefühlt hat, obwohl dort kein Handy zu finden war. Auch die Gewohnheit am Computer ständig im Email-Programm nach neuen Nachrichten oder bei News-Webseiten nach frischen Katastrophen zu suchen, hat sich nicht von heute auf morgen abstellen lassen. Als hauptberuflicher Journalist gab es auch in dieser Zeit viel zu schreiben, der PC war also nicht tabu, nur eben ohne Zugang ins weltweite Netz.
Auch das telefonieren war nicht verboten, solange es von einem Festnetzanschluss passiert. Dumm nur, wenn man sämtliche Telefonnummern nicht in einem Notizbuch, sondern im Speicher des abgeschalteten Smartphones hinterlegt hat und dieses mit eiserner Selbstdisziplin nach Beginn des Versuches nicht mehr reaktiviert. Ein Anruf bei der guten alten Telefonauskunft wurde also zur neuen Gewohnheit, ebenso wie die Erkenntnis, dass im vollvernetzen Zeitalter niemand mehr Wert auf Pünktlichkeit legt, schließlich kann man bei einer Verspätung schnell anrufen und Bescheid sagen. Vorrausgesetzt, der Wartende hat sein Handy nicht in selbstkasteiender Absicht ausgeschaltet. Selber schuld, dann muss man eben warten.
Aber auch Positives gibt es zu berichten, sofern man die erste Phase der Entwöhnung hinter sich gebracht hat. Beispielsweise die Tatsache, dass man weit weniger oft abgelenkt wird und mit mehr Konzentration an Sachen herangeht. Keine störenden Anrufe oder SMS während eines Meetings und kein Zwangsgefühl, schnell noch einmal Emails checken zu müssen. Nicht zu vergessen den beinahe wichtigsten Punkt: Die sozialen Kontakte werden wieder real. Man hat wieder Zeit für Menschen, die nicht nur durch einen Mausklick bei Facebook zum „Freund“ wurden, sondern dies auch im realen Leben sind. Von Angesicht zu Angesicht.
Gewürzt wird dieses Offline-Tagebuch mit kleinen Geschichten, die Koch dank der gesammelten Erfahrungen nun mit ganz anderen Augen sieht. So war er ein halbes Jahr vor Beginn der temporären Web- und Mobilfunk-Abstinenz zu Besuch bei den Amish, einer religiösen Gemeinschaft in den USA, die sogar noch weiter geht, auch auf Elektrizität verzichtet und ein Telefon nur für Notfälle und weitab der Wohnhäuser, in einer zugigen Hütte mitten auf dem Feld, zur Verfügung hat.
Wer also mit dem Gedanken spielt, selbst einmal den Stecker zu ziehen, oder einfach nur neugierig ist, wie sich das Leben entwickelt, wenn man nicht rund um die Uhr erreichbar ist und für notwendige Informationen auf Bücher oder andere analoge Quellen zurückgreifen muss, der wird viel Spaß an der Lektüre dieses Buches haben. Und danach möglicherweise sein Internet-Verhalten ein wenig ändern, denn in manchen Punkten ist ein Abstinenzler durchaus zu beneiden.
Das Buch ist im Blanvalet Verlag erschienen, hat 272 Seiten und ist für gut angelegte 12,95 € im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.
Das folgende Video zeigt den Autor Christoph Koch in einem kurzen Interview zum Buch.









