Mein Wunscherbe – eine ungewöhnliche Spurensuche
Wie wäre es, wenn Sie ein gutverschnürtes und wohlverwahrtes Paket öffnen würden, das auf Ihren Wunsch einzig Vererbte Ihrer Mutter, prall gefüllt mit einmaligen Erinnerungen und Lebensspuren, von deren äußeren Umständen Sie zwar gewusst, aber in dieser Form niemals auch nur geahnt hätten? Ein mulmiges Gefühl, ein aufregendes, verwirrendes, verblüffendes? – Dietlinde Hachmann dürfte all dies empfunden haben, als sie eben jenes Paket aufmachte, dessen Inhalt es mehr als wert war, in einer liebevoll zusammengestellten Biographie festgehalten zu werden.
„Mein Wunscherbe“, so ihr Titel, ist ein sehr persönlicher, intimer Einblick in das Leben ihrer Mutter Lieselotte Hachmann, der Gründerin der Deutsch-Indischen-Gesellschaft in Hamburg e.V.. Und gerade weil die Öffentlichkeit bisher wahrscheinlich kaum von der Existenz eines solchen Vereins und den Umständen um dessen Entstehung wusste, und natürlich noch viel weniger von den Wegen und Geschichten der Menschen dahinter, ist es umso wichtiger, diese „zaghaften Spuren“ aufzudecken.
Dietlinde Hachmann gelingt dieses Spurenaufdecken in einer collagenartigen Zusammenstellung von Fotos, Tagebucheinträgen und zahllosen Briefen, die den Austausch zwischen Lieselotte Hachmann und ihrem Ehemann, und vor allem auch mit „Onkel Deboo“, Dr. Debabrata Chatterjee, einem indischen Wissenschaftler und Botaniker, hautnah nacherleben lassen.
Die Lebenslinien dieser drei Menschen und zarten Verwebungen untereinander zeigen etwas nicht Alltägliches und Abenteuerliches: Den Einsatz von Lieselotte Hachmann für ihren ganz persönlichen Lebenstraum und ihre Liebe.
Als junge Studentin in Schottland gefesselt und verzaubert von einem Kommilitonen, dem aus einer hohen Kaste stammenden Inder „Deboo“, den sie über den Wirren des Zweiten Weltkrieges aus den Augen verliert, mit ihrem Mann und Kindern in Deutschland die entbehrungsreiche Kriegs- und Nachkriegszeit überstehend, hat sie die Begeisterung für Indien nie losgelassen. Über Umwege findet sie wieder schriftlichen Kontakt zu Deboo in Indien und ein intensiver Austausch, ein Gleichklang über tausende von Kilometern Distanz, fesselt beide gleichermaßen.
So sehr wie sich Lieselottes Leben in den vergangenen Jahren auf ihre Familie und die langsame, beschwerliche Rückkehr in eine Art Normalität im Nachkriegsdeutschland konzentrierte, so stark ist dennoch der Drang und Neugier auf Indien – und auf Deboo. Ohne große Hintergründe oder finanzielle Mittel, angetrieben nur aus Entschlossenheit und Begeisterung, aus Liebe, gründet sie 1954 den Deutsch-Indischen Freundschaftsverein, unterstützt indische Gaststudenten und Familien, engagiert sich, knüpft Kontakte, begegnet sogar dem damaligen indischen Ministerpräsidenten Nehru (dem Vater von Indira Gandhi) bei seinem Besuch in Hamburg. Mit ganz viel Mut und allem dafür Angesparten im Gepäck begibt sie sich 1956 schließlich auf ihre Lebens-Traum-Reise nach Indien, zu Deboo...
Dietlinde Hachmann lässt ihre Leser teilhaben an dem Traum ihrer Mutter und seiner scheinbar traum-haften Realisierung. Bemerkenswert ist es allemal, wenn man als Leser die Umstände und die Zeit betrachtet: eine an die Familie gebundene Frau in den 50er Jahren, die aus einem tiefen Impuls heraus Dingen nachspürt, organisiert und diesem Impuls noch viel weiter folgt, in ein fernes, fremdes Land.
Bemerkenswert auch die selbst heute noch moderne, weltoffene Betrachtungsweise und Lebensweise sowohl von Lieselotte als auch ihrem Mann Hans Hachmann, der seiner Frau alle erdenklichen Freiräume zugesteht, auch wenn er selber die Begeisterung für das ferne Land und den fremden anderen Mann natürlich nicht teilen kann.
Selbst wenn, verständlicherweise, nicht alles rund verläuft, gerade dort wo Gefühle im Spiel sind, sind es doch bewundernswerte, starke Charaktere, die wohl nur auf diese Art und Weise, jeder für sich, aber doch gemeinsam, einen Traum leben können. Letztenendes handeln sie alle aus Liebe.
Dass dem Folgen des Herzens, Freiheit, Loslassen, Vertrauen in einander und auf sich selbst ein Schlüssel zum Glück sein können, wird in dieser zweiteiligen Biographie mehr als deutlich.
Der Band „Mein Wunscherbe. Teil 1: Zwischen zwei Welten“ stellt alle Vorbereitungen, den Weg und den Beginn der Reise Dietlinde Hachmanns Mutter nach Indien dar, hat 288 Seiten, ist im Acabus Verlag erschienen und zu 17,90€ im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.
Band 2 „Im Land meiner Träume“ erscheint im Herbst 2010.








