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Das Finanzamt und ich - Steuererklärung durchgeboxt

laptop_boxhandschuheFreude über Freude – an und in diesen Tagen. Dies gönne ich ihnen und mir von Herzen. Die Geschenke haben gepasst oder werden umgetauscht, die lieben Angehörigen haben sich auch wieder verzogen. Alles ist gut, real gut. Tja, wenn da nicht der Gedanke wäre, das Finanzamt ist demnächst wieder zu beglücken. Diese Zeit der beginnenden Schmerzen habe ich in nachfolgender kleinen Geschichte erzählt. Natürlich ist es eine erfundene Geschichte, eventuelle Namensgleichheiten sind rein zufällig. Diese Geschichte ist absolut fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder aktuellen Vorgängen sind ganz ehrlich rein zufällig, das können sie mir glauben.

Eigentlich war es ein schöner Tag. Ich hatte mit mannigfachen Qualen endlich meine Steuererklärung erstellt. Bevor ich die heiligen Hallen des Kaisers betreten wollte, studierte ich zunächst noch eine Taschenbuchausgabe des Strafgesetzbuches. Besonders interessierten mich die Paragraphen über die uneidliche Falschaussage, die Vorspiegelung falscher Tatsachen, Abgabe falscher Steuererklärungen, sowie einfache und schwere Steuerhinterziehung. Wie gesagt, ich wollte gut präpariert die Klinge mit meinem, für mich verantwortlichen, Folterknecht zu tauschen. Hieb– und stichfest war sie, meine so sorgfältig vorbereitete Sammlung diverser Märchen und Halbwahrheiten, die Erfahrung aus 28 Erklärungen unterschiedlichsten kriminellen Inhaltes hatten mich gestählt. Es konnte losgehen.

Gegen 10.00 Uhr betrat ich die Versuchsanstalt für Melkkunde, der in einer Unterabteilung das Büro für die Festsetzung von Einkommenssteuer zugeordnet war. Ich war in Eile, entsprechend selbstbewusst trat ich an. „Ich möchte gerne Herrn Geldpresser sprechen“, mit diesem kleinen Scherz wandte ich mich an den Pförtner. Mit meinen Freizeitaktivitäten hatte ich schon bewiesen, dass ich mich überall durchboxen kann. Als Verfechter des edlen Faustkampfes bin ich jede Woche in meinem Verein aktiv. Dieser Hinweis ist wichtig, damit die verehrte Leserin, der verehrte Leser den Fortgang des jetzt folgenden Dramas besser verstehen kann.

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Gerade am letzten Wochenende hatte ich in einem, meiner Meinung nach sehr fair geführten Kampf, den mir zugeteilten Gegner zu einem handlichen Paket Buletten verarbeitet, die nicht einmal mehr gebraten werden mussten. Der Gegner in diesem Fight, sein furchterregender Kampfname war „Ramme von Roschbach“, zeichnete sich durch nicht zu verantwortende Unsportlichkeit aus. Nach Ende unseres Kampfes wollte er sich nicht einmal von mir verabschieden, obwohl ich mich anstrengte, mit meinem Stiefel seine rechte Wange so zu bearbeiten, dass er erstens wieder Luft bekam, und zweitens wieder zu sich kam. Mein Gegner hatte den Kampf viel zu früh abgebrochen und dann richtig gebrochen. Aus Versehen hatte ich mit einer Links–Rechts–Links–Kombination zunächst seine Leber, und dann mit dem Knie seine Ramme berührt. Danach war er gebrochen.

Sie ahnen sicherlich, was jetzt folgt.

Als ich die Folterkammer, das Finanzamt betrat, wer saß am Schreibtisch? Natürlich, er war es, nur er konnte es sein, die Ramme von Roschbach. Ohne jeden Zweifel hatte er sich zu seinem Vorteil verändert. An ein sehr schön gestaltetes Exemplar der Gattung Regenbogen erinnerten mich die Augen des Individuums, das mir gegenüber saß. Die Form seiner Ohren trug ebenfalls zu dem positiven Gesamteindruck bei, den ich von diesem schillernden Etwas auf der anderen Seite des Schreibtisches gewonnen hatte. Das rechte der beiden Ohren war spiralförmig nach außen gedreht, wobei der obere Rand des Ohrläppchens etwas ausgefranst war. Das linke wiederum hing auf eine Länge von circa 20 Zentimetern an seiner Backe herab und lag auf der Schulter auf.

Bedauerlicherweise hatte er mich nicht erkannt, ich konnte diesbezüglich keinerlei Reaktion bei ihm feststellen. Er stand auf, um mich zu begrüßen. Seltsam verkrümmt reichte er mir eine bandagierte Hand. Seine Stoßatmung machte es nicht gerade leicht, die sowieso schon sehr undeutliche Aussprache zu verstehen.

Das Drama nahm jetzt den vom Schicksal vorgesehenen Lauf. Er nahm die Akte in die Hand und las meinen Namen. Eine Eruption, eine Mutation, eine Detonation war die Folge. Die Spektralfarben des Regenbogens weiteten sich aufs Grauenhafteste, das vorher so harmonische Farbbild fiel in sich zusammen, um dann kometenhaft, einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend, als eine Verklumpung von Sternen und schwarzen Löchern, wiederum in seinem Gesicht zu landen. Die Stimme, vorher durch Pressatmung negativ beeinflusst, formte mühelos das hohe C, durcheilte alle möglichen und unmöglichen Tonlagen, versuchte ein Krächzen, um dann doch den Kampf gegen die beginnende Atemlähmung zu verlieren. Die bandagierte Hand griff unter den Schreibtisch und zauberte einen handlichen Schlagstock hervor. Nicht sehr schnell, trotzdem nicht uneffizient, begann dieses mittlerweile hüpfende Etwas, mit dem Schlagstock nach mir zu keilen. Mein Versuch, ihn aufzuhalten war sinnlos. Er begann, meine so sorgfältig gefälschten Unterlagen in kleine und mundgerechte Streifen zu verteilen, anschließend in den Kaffee zu stippen und zu vertilgen. Der Schweiß rann mir aus den Poren, als ich versuchte, die Spendenbescheinigung der PLO seinem Gaumen zu entreißen, was mir aber nicht gelang. Auf irgend ein geheimes Signal hin hatte er Hilfe angefordert. Mindestens vier Männer, mit schwarzen Kapuzen verhüllt, packten mich an allen nur denkbaren Körperteilen, wirklich an allen, und schleiften mich in den Keller.

Ein nur durch ein Kaminfeuer erleuchteter Raum jagte mir jetzt Angst und Schrecken ein. Auf einem Tisch standen fein säuberlich sortiert, abgelegt in Aktenordner, deren Deckel eine grüne Fledermaus zierte, meine gesammelten Steuererklärungen.
Der Größte aus der Hunnenhorde begann auf ein Handzeichen der Regenbogenvisage eine Zange im Kamin zu erhitzen. Mittlerweile hatten Sie mir die Kleider vom Leib gerissen und auf eine Bank gebunden, mich, nicht die Kleider.

„Wir haben die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz überprüft. Sie haben immer 32 Kilometer abgesetzt, tatsächlich sind es nur 31 Kilometer und 823 Meter. Was sagen sie dazu?“ Die mittlerweile glühende Zange bewegte sich in Richtung eines Körperteils, das sich durch besondere Flexibilität auszeichnet, dessen Wohlergehen für das Wohlergehen des Trägers nicht gerade unwichtig ist. Meine Haut, auch an der besagten Stelle, begann nicht nur zu brennen, sie begann sogar schon, Blasentürme zu bauen.

„ Lieber Gott, gib mir eine Chance, die Steuererklärung zu korrigieren, und ihm die Chance für einen Rückkampf, bei dem mir beide Fäuste an die Kniekehlen gebunden sind“, so flehte und betete ich für mich und vor mich hin. Normal bin ich nicht sehr empfindlich, auch nicht weinerlich. Als Sportsmann bin ich gewohnt, auszuteilen, ohne das Gefühl für den Mitmenschen und die notwendige Sensibilität zu verlieren. Trotzdem, ich kam an meine Grenzen. Besonders als der stärkste der Folterknechte begann, mir mit dem Fuß die linke Backe zu tätscheln. Ein anderer bearbeitete meine Leber, während die Ramme von Roschbach mit seinem rechten Knie und mit scheinbar viel Vergnügen das mittlerweile zu einer einzigen Blase gewordene Körperteil, das auch sonst mit einer Blase viel zu tun hat, unentwegt zu bearbeiten.

Es wurde eng, ich zerrte an meinen Ketten, es wurde eng…

Stöhnend wälzte ich mich hin und her. Eine Stimme drang an mein Ohr. „Höre endlich auf, so ein Theater zu machen, es ist jedes Jahr die selbe Leier, wenn du zum Finanzamt musst. Stell dich nicht so an, dein Sportkollege aus Roschbach ist doch jetzt für dich zuständig, du wirst doch wenigstens mit ihm klar kommen.“ Meine Frau schüttelte den Kopf und verließ das Schlafzimmer. Ich taumelte bei dem Versuch aufzustehen, mir war so schlecht, so sauschlecht…

© Peter Reuter


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