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All Sources Collection - Kernstück der Nachrichtendienste

geheimdienstNachrichtendienste unterliegen einem ständigen Druck, ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Grundlage dazu bildet eine professionelle nachrichtendienstliche Beschaffung, die konsequent Wissen schafft und die Synergien zwischen den einzelnen Beschaffungsmitteln optimal zu nutzen versteht. - Ein Gastbeitrag von Kurt Werren und Kian Fartab 

Das Paradox in der Informationsbeschaffung des 21. Jahrhunderts

Die Nachrichtendienste sehen sich heute mit einer Situation konfrontiert, die als das Paradox in der Informationsbeschaffung des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Einerseits ist die Anzahl der global verfügbaren Informationen im Zeitalter des Internets in beinahe unermessliche Grössen angestiegen. Viele dieser Informationen können mit den Mitteln der Nachrichtendienste gefunden und zumindest aufgezeichnet werden. Andererseits sind viele der für einen Nachrichtendienst wirklich wichtigen Informationen nicht oder nur mit grossem Aufwand zugänglich. Dazu kommen die Realitäten der heutigen sicherheitspolitischen Lage: Gefahren drohen aus mehreren Richtungen, und nicht mehr nur aus einer, und oftmals ist es unklar, wie sich diese Gefahren in der Wirklichkeit manifestieren würden.

Damit sich die Nachrichtendienste in dieser Welt behaupten können, müssen sie ihre Leistungsfähigkeit steigern. Eine besondere Bedeutung bekommt unter diesen Rahmenbedingungen die methodische Beschaffung von Daten und Informationen und, wie wir sehen werden, die Schaffung von Wissen. Bei der Beschaffung, ihren Mitarbeitenden und ihrer Arbeitsweise, muss angesetzt werden, um einen Nachrichtendienst die Fitness für zukünftige Anforderungen zu verleihen.

Die Aufgabe der Beschaffung: Wissen schaffen

In der Literatur zum Thema der nachrichtendienstlichen Theorie ist kaum etwas über die vielen Aspekte der Beschaffung von Informationen zu lesen, mit denen ein Nachrichtendienst arbeitet: Die Beschaffung wird meistens als Black Box bezeichnet, deren Wesen niemand richtig versteht. Ein Vergleich mit der orientalistischen Editionsphilologie soll die Aufgabe der Beschaffung klarer machen. Orientalisten spürten in Archiven und in Ausgrabungsstätten unbearbeitete Dokumente, sprich Quellen, auf; diese waren häufig beschädigt und unvollständig, lagen also in einer fragmentarischen Form vor. Aufgabe dieser Philologen war es nun, die Textfragmente zu sichern und sie mit ihrem linguistischen und kulturhistorischen Fachwissen zu edieren. Erst dann wurden diese Texte verwendbar für die wissenschaftliche Weiterverarbeitung, für eine Interpretation durch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Durch ihre Tätigkeit schaffte die orientalische Philologie Wissen und damit die Grundlagen und den Ausgangsort für die Arbeit der ihnen nachfolgenden, weiterführenden Stellen. Wissen und Fakten existierten nicht als solche, sondern mussten zuerst gemacht werden („faktum“).

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So wie man die Philologie als Initiation in die Kultur bezeichnen kann, lässt sich die Beschaffung eines Nachrichtendiensts als Initiation in die Wahrheiten der sicherheitspolitischen Umwelt betrachten. Der Beschaffung kommt im Nachrichtendienstprozess die Aufgabe zu, Sequenzen der als nachrichtendienstlich relevant taxierten Realität zu extrahieren, zu sichern, miteinander zu verknüpfen und der „Nachwelt“ verfügbar zu machen. Derart  geschafftes Wissen bezeichnen wir im nachrichtendienstlichen Kontext als Intelligence.

Gesteigerte Leistungsfähigkeit mit All Sources Collection

Das neue Konzept, um die von uns geforderte verbesserte Leistungsfähigkeit der Nachrichtendienste zu erreichen, heisst All Sources Collection (ASC). ASC ist ein systemisch orientiertes Konzept der nachrichtendienstlichen Beschaffung. In einer einzigen Organisation werden sämtliche Beschaffungsdisziplinen (HUMINT, SIGINT, IMINT, OSINT, weitere) vereint und ihr Einsatz geplant. Dies führt zu einer eigentlichen Konzentration der Kräfte, bei der die zur Verfügung stehenden Mittel und Kompetenzen kombiniert und mit hoher Synergiewirkung genutzt werden. Eingesetzt werden die Beschaffungsmittel von so genannten Beschaffungsanalysten, die in ihrer Person ein Wissen über nachrichtendienstliche Themen sowie Kenntnisse über die Möglichkeiten und Limiten der einzelnen Sensoren und Beschaffungsdisziplinen vereinen. Diese Kenntnisse wenden sie an, um Intelligence in einer Qualität zu schaffen, die ihren Kunden einen Vorteil verschafft, den der chinesische Militärstratege Sunzi mit „Vorherwissen“ bezeichnet hat. (1)

Eine der Aufgaben eines Beschaffungsanalysten ist das „Sensor Cueing“, die Steuerung eines Sensors aufgrund von erfassten Daten eines anderen Sensors. Ein Beispiel: Wichtigste gemeinsame Metadaten-Merkmale der verschiedenen Sensoren und Beschaffungsdisziplinen sind Zeit und Ort. Ist aus SIGINT beispielsweise bekannt, dass eine aus nachrichtendienstlicher Sicht relevante Aktivität zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort stattfindet, können mit diesen Metaangaben weitere Beschaffungsmittel wie IMINT oder HUMINT zielgerichtet gesteuert werden, um diese Aktivität zu beobachten und zusätzliche Informationen darüber zu beschaffen. Die Chancen, die sich aus der Nutzung mehrerer sich ergänzender Beschaffungsdisziplinen ergeben, werden von der ASC systematisch genutzt.

Nachrichtendienstlichen Produkte fliessen direkt aus der All Sources Collection zu den politischen und militärischen Kunden des Nachrichtendiensts. In der Regel ist dies operativ nutzbares Wissen, so genannte „actionable intelligence“. Gleichzeitig steht das Wissen aus der ASC für eine strategische Analyse zur Verfügung, die auf längerfristig gültige Überlegungen abzielt.

Die drei Teilsysteme des neuen Nachrichtendiensts

Mit nachrichtendienstlichen Methoden beschaffte Daten, mit nachrichtendienstlicher Kompetenz geschaffene Informationen und das daraus entwickelte Wissen besitzen in einer Welt von CNN, YouTube und embedded journalism einen zunehmend hohen Wert. Sie werden zur eigentlichen Perle eines konkurrenzfähigen Nachrichtendiensts, welcher der Politik, der Diplomatie und der Armee die grösstmögliche Unterstützung bietet. Oder wie es Mark M. Lowenthal, ein Veteran der US – Nachrichtendienste, ausdrückt: „Collection ist the bedrock of intelligence!“ (2)

Wie kann nun die All Sources Collection in eine Nachrichtendienstorganisation eingepasst werden? Das Modell eines Nachrichtendiensts mit einer All Sources Collection umfasst drei Teilsysteme: Als erstes Teilsystem die Strategische Analyse, als zweites Teilsystem, und als veritables Kernstück, die aufgewertete und leistungsfähiger gemachte frühere „Beschaffung“, die neue All Sources Collection. Dazu kommt ein drittes Teilsystem, das wir Produktemanagement / Customer Relationship Management nennen. Mit einem derartigen Subsystem wird ein Nachrichtendienst die Betreuung seiner Partner professionalisieren und den Wert seiner Kundenbeziehungen steigern.

Bei den immer knapper werdenden Mitteln der öffentlichen Hand muss auch ein Nachrichtendienst mit handfesten Ergebnissen überzeugen, um sich einen genügend grossen Anteil am budgetären Kuchen zu sichern und damit leistungsbereit zu bleiben. Wir sind überzeugt, dass auch eine normalerweise geheime Tätigkeit wie Nachrichtendienst gegenüber den Geldgebern vermarktet werden muss. Die einsame Gewissheit, mehr über den Gang der Welt als andere zu wissen, reicht nicht mehr aus, und hat eigentlich noch nie ausgereicht, um die Aufwendungen für den Nachrichtendienst zu rechtfertigen. Eine neu fokussierte, starke All Sources Collection ist in der Lage, die gewünschten Ergebnisse zu liefern und (auch) das Marketinginstrument eines Nachrichtendiensts zu sein.

 

Eine ausführlichere Version gibt es als PDF-Datei zum Download bei http://www.allsources.cc

(1) Vgl. Sunzi, Die Kunst des Krieges (Hrsg. James Clavell), 1988, S. 151
(2) Vgl. Mark M. Lowenthal, Intelligence: from secrets to policy, 2006, S. 181

 


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  10.02.2012 The Intelligence
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